

Wie gelingt digitale Transformation in einer der größten Containerreedereien der Welt? Im Doppelinterview erklären Donya-Florence Amer, CIO & CHRO bei Hapag-Lloyd und Florian Heinemann, Managing Director Data Insights & AI, warum Technologie und Menschen untrennbar zusammengehören, weshalb KI nur dann wirkt, wenn die Basis stimmt, und wie datengetriebene Innovation die Qualität im globalen Schiffsverkehr neu definiert. Sie zeigen, wo echte Wertschöpfung entsteht – und warum die Integration in den Kernbetrieb heute der entscheidende Faktor für digitalen Erfolg ist.
Frau Amer, welche Rolle spielt die Digitalisierung in Ihren Aufgabengebieten als CIO und CHRO bei Hapag-Lloyd? Welche Schnittmengen gibt es über die Funktionen hinweg? :
AMER Die Kombination von CIO und CHRO in einer Vorstandsrolle ist ungewöhnlich, aber bewusst gewählt. Sie ergibt sich durch eine zentrale Erkenntnis: Technologie und Menschen lassen sich nicht getrennt transformieren. Systeme entfalten nur dann Wirkung, wenn sie den Menschen befähigen, praktikabel sind und reale Probleme lösen. Das bedeutet auch, Überzeugungsarbeit bei denjenigen zu leisten, die argumentieren, dass alles bisher auch ohne das neue System oder die KI-Lösung bestens funktioniert hat. Als CIO verantworte ich die Technologie-Strategie, unsere digitale Infrastruktur und die Weiterentwicklung der Kernsysteme. Mit unserem Fracht-Informations-System, genannt FIS3, modernisieren wir derzeit das technologische Herzstück unseres globalen Geschäfts. Parallel dazu investieren wir in den Aufbau von Daten- und KI-Fähigkeiten.
Als CHRO liegt mein Fokus auf der Entwicklung unserer mehr als 17.000 Mitarbeitenden weltweit - von Qualifizierung über Führung bis hin zu neuen Arbeitsweisen. Auch hier ist Digitalisierung kein Zusatz, sondern Voraussetzung. Jede digitale Transformation ist im Endeffekt eine Transformation von Arbeit. Wenn wir neue Technologien einführen, geht es immer auch um die Menschen, deren Fähigkeiten und um Veränderung. Umgekehrt braucht eine moderne HR digitale Werkzeuge und Daten, um fundierte Entscheidungen zu treffen und Lernen zu skalieren. Diese Doppelrolle zwingt mich, beides gemeinsam zu denken. Am Ende steht immer der Faktor Mensch im Fokus und es ist unsere Aufgabe als Führungskräfte, für diese gemeinsame Reise zu werben.
Auf welche Digitalisierungsthemen legen Sie derzeit einen Fokus? :
AMER Unsere Digitalisierungsprioritäten leiten sich direkt aus unserer Strategie 2030 ab. Digitalisierung ist für uns dabei kein Selbstzweck, sondern ein zentraler Hebel, um unser Ziel zu erreichen: "The Undisputed Number One for Quality”. Wir fokussieren uns auf digitale und KI-gestützte Lösungen, die messbar zur operativen Qualität, zur Effizienz unserer Prozesse und bzw. oder zu einer besseren Customer Experience beitragen. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Initiativen, sondern ihre Skalierbarkeit und Wirksamkeit. Was funktioniert, wird konsequent in den Kernbetrieb integriert.
Unser Schlüssel zum Erfolg? Die digitale Kompetenz unserer Mitarbeitenden. Technologien entfalten ihr volles Potenzial erst dann, wenn sie im Arbeitsalltag verstanden, angenommen und aktiv genutzt werden.
KI-Projekte erhalten aktuell besonders große Aufmerksamkeit. Drohen andere wichtige Digitalthemen in den Hintergrund zu rutschen? :
AMER Diese Gefahr besteht grundsätzlich - deshalb steuern wir sehr bewusst dagegen. Eine Containerreederei kann nicht von KI-Projekten allein leben. Die technologische Basisarbeit bleibt essenziell. Die Modernisierung unserer Kernsysteme, der konsequente Weg in die Cloud, Cybersecurity, eine gute User Experience und stabile digitale Kundenschnittstellen haben für uns weiterhin höchste Priorität - unabhängig vom KI-Boom. Auch unsere Schiffe fahren nicht wegen neuer Prompts, sondern weil Menschen an Bord und an Land täglich Verantwortung übernehmen.
Meine Aufgabe ist daher auch ganz klar, für Balance zu sorgen. KI bekommt Aufmerksamkeit und Ressourcen, aber nicht auf Kosten der technologischen Grundinfrastruktur. Beides muss zusammenspielen. Die besten KI-Modelle helfen wenig, wenn Datenqualität, Integration oder Stabilität fehlen.
Jedes Digitalvorhaben muss ein echtes Problem lösen. Projekte ohne klaren Mehrwert verfolgen wir nicht weiter.
Welche Faktoren sind bei Hapag-Lloyd ausschlaggebend im Entscheidungsprozess, ob ein Digitalprojekt umgesetzt wird oder nicht? :
AMER Zunächst zählt die strategische Relevanz. Ein Projekt muss klar zur Umsetzung unserer Strategie 2030 beitragen und auf Qualität, Kundenzufriedenheit und / oder Effizienz einzahlen. Genauso wichtig ist Fokus. Wir prüfen sehr bewusst, ob ein Vorhaben ein echtes Problem löst oder lediglich eine technische Möglichkeit adressiert. Projekte ohne klaren Mehrwert verfolgen wir nicht weiter. Ein dritter Faktor ist Umsetzbarkeit. Neben dem Business Case bewerten wir Risiken, Abhängigkeiten und den organisatorischen Impact. Uns ist wichtig, dass Projekte realistisch in den Betrieb integrierbar sind. Bei größeren Vorhaben prüfen wir zudem gezielt, ob digitale oder KI-basierte Ansätze sinnvoll eingesetzt werden können, aber nicht aus Pflichtgefühl, sondern dort, wo sie Substanz und Skalierbarkeit bringen.
Wie wird der (nachhaltige) Erfolg der Projekte und Initiativen gemessen? :
AMER Der zentrale Maßstab sind unsere Quality Promises. Hapag-Lloyd ist der einzige Carrier, der diese Qualitätsversprechen transparent auf www.hlag.com veröffentlicht. Alles, was wir digital investieren, muss messbar darauf einzahlen - und wir laden ausdrücklich dazu ein, uns daran zu messen.
Bereits vor dem Start definieren wir, welchen Impact ein Projekt haben soll. Diese Wirkung überprüfen wir auch nach der Implementierung im Live-Betrieb. Gerade bei digitalen und KI-gestützten Initiativen zählt nicht die technische Performance, sondern der Real-World-Impact. Werden Abläufe effizienter? Laufen Prozesse stabiler? Erleben Kunden spürbar höhere Qualität? Qualität ist für uns kein Marketing-Claim, sondern ein messbares Versprechen - und genau daran lassen wir uns transparent messen.
KI kann als Konkurrenz der menschlichen Arbeitskraft angesehen werden. Wie gehen Sie diese Vorbehalte und Sorgen bei Hapag-Lloyd an? :
AMER Diese Sorgen nehmen wir absolut ernst. KI wird Jobs verändern, Tätigkeiten werden sich wandeln. Das offen anzusprechen ist für uns wichtiger als falsche Beruhigung. Unser Ansatz ist klar in unserer langfristigen Wachstumsstrategie verankert. Wir verstehen KI bei Hapag-Lloyd nicht als Tool für kurzfristigen Stellenabbau, sondern als strategischen Hebel für Qualität, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit.
Wir unterscheiden bewusst: Routine-Prozesse automatisieren wir dort, wo es Sinn macht. Bei Wissensarbeit geht es um Empowerment – KI soll helfen, smartere Entscheidungen zu treffen und Expertise gezielter zu nutzen. Transparenz und Partizipation sind dabei der Schlüssel. KI wird nicht top-down verordnet, sondern gemeinsam mit den Teams entwickelt. Wer heute in seine digitalen Skills investiert, gestaltet morgen die Zukunft der Branche mit.
Wo sehen Sie für Ihr Unternehmen noch Verbesserungspotenzial bzw. die größten Herausforderungen? :
AMER Die ehrliche Antwort: Unsere größte Herausforderung liegt nicht in der Technologie, sondern in der organisatorischen Transformation. Wir haben bewiesen, dass wir technisch erfolgreiche KI-Lösungen bauen können. Die schwierigere Aufgabe ist es, diese Lösungen so in unsere Geschäftsprozesse zu integrieren, dass sie echten, messbaren Mehrwert schaffen. Für 2026 haben wir uns deshalb vorgenommen, stärker auf die Ende-zu-Ende-Integration zu fokussieren. Es müssen aber trotzdem alle Mitarbeitenden mitgenommen werden auf diesem Weg. Von oben Anwendungen und vermeintliche KI-Lösungen für ein Problem reinzuwerfen - das ist nicht unser Stil.
Herr Heinemann, welche digitalen Trends werden die Logistikbranche zukünftig prägen? :
HEINEMANN Ein zentraler Treiber ist der Übergang von experimenteller zu produktiver Nutzung von Künstlicher Intelligenz. KI wird vom Differenzierungsmerkmal zur Grundvoraussetzung. Wir werden dabei weniger an der Technologie selbst gemessen, sondern vielmehr an der Transformation von Arbeitsweisen. KI verändert, wie Entscheidungen getroffen, Probleme gelöst und Prozesse gesteuert werden- Die Chancen der KI wirklich in unsere Kernprozesse zu integrieren und sie als Enabler zu verstehen, das ist das Differenzierungsmerkmal der kommenden Jahre.
Eng damit verbunden ist der Trend zu echtzeitfähigen, vernetzten Supply Chains. Kunden erwarten heute nicht nur Transparenz, sondern proaktive Steuerung: Abweichungen sollen erkannt werden, bevor sie zu Problemen werden. Möglich wird das durch eine Kombination aus IoT-basierter Datenerfassung, standardisierten APIs und intelligenten Auswertungen.
Ein dritter prägender Trend ist die Verzahnung von Digitalisierung, operativer Exzellenz und Dekarbonisierung als drängendes Vorhaben in unserer Industrie. Daten und KI ermöglichen es, Routen, Netzwerke und den Einsatz alternativer Kraftstoffe gezielt zu optimieren und Emissionen transparent zu machen. Jeder Container der durch die positiven Effekte von Technologieeinsatz, Daten und KI weniger emittiert ist ein guter Container.
Entscheidend wird sein, diese Entwicklungen nicht isoliert zu betrachten, sondern frühzeitig zu skalieren und in unseren Kernbetrieb zu integrieren. Wer hier zu spät kommt, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren.
Entwicklungen darf man nicht isoliert zu betrachten, sondern muss frühzeitig skalieren. Wer hier zu spät kommt, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren.
Was waren in jüngster Zeit Digitalisierungserfolge, die wirklich Mehrwert geschaffen haben? :
HEINEMANN Ein Beispiel ist unser interner KI-Assistent Marina. Marina unterstützt Teams im Arbeitsalltag, etwa bei Prozessfragen oder der Analyse von Dokumenten, und hilft dabei, Informationen schneller verfügbar zu machen. Zudem setzen wir KI im Customer Service für die automatische Klassifizierung und Priorisierung von Kundenanfragen ein. Das verbessert Reaktionszeiten und Servicequalität und erreicht eine höhere Genauigkeit als klassische Lösungen.
Darüber hinaus nutzen wir KI in unseren operativen Kernprozessen. Im Equipment Management unterstützen KI-basierte Prognosen die Planung von Containerreparaturen und die Steuerung von Leercontainerbeständen. Das erhöht Effizienz und verbessert die Verfügbarkeit. Gemeinsam ist diesen Beispielen, dass es keine isolierten Piloten sind, sondern integrierte Lösungen mit messbarem Nutzen für Qualität und Betrieb.
Wie lösen Sie das Problem, dass Kunden unterschiedlich stark digitalisiert sind? :
HEINEMANN Die unterschiedliche digitale Reife unserer Kunden ist für uns kein Hindernis, sondern Teil der Realität unserer Branche. Bei so vielen Kunden ist es erwartbar, dass der Digitalisierungsfortschritt unterschiedlich weit ist. Entscheidend ist, dass wir alle mitnehmen. Unsere Kunden schätzen das auch und haben uns im vergangenen Jahr das beste digitale Kundenerlebnis attestiert. Das bestärkt uns auf unserem Weg.
Unser Anspruch ist, dass alle Kunden von mehr Transparenz, Verlässlichkeit und Qualität profitieren können, unabhängig davon, wie digital sie heute schon sind. Denn nachhaltige Transformation gelingt nur gemeinsam - und genau darauf setzen wir. Aber auch hier sind wir partnerschaftlich aufgestellt, wir lernen gleichermaßen von unseren Kunden und werden inspiriert.
Eine letzte Frage an Sie beide: Was ist derzeit Ihr absolutes Lieblings-Tool? :
AMER Mein Lieblings-Tool ist unser eigener KI-Assistent Marina. Er zeigt, was möglich ist, wenn man KI pragmatisch und nutzerorientiert einsetzt. Ich nutze Marina regelmäßig, um Informationen zu finden, Prozesse zu verstehen oder Dokumente zusammenzufassen – und das mit direktem Zugriff auf Inhalte aus unserem Intranet.
HEINEMANN Eine KI-gestützte Trainingsplattform für mein Rennradtraining. Die App analysiert Leistungsdaten, erkennt Ermüdungsmuster und passt meinen Trainingsplan dynamisch an - bis hin zur Echtzeit‑Neuberechnung. Das ist für mich ein perfektes Beispiel, wie KI echten Mehrwert schafft: nicht als Spielerei, sondern als intelligentes System, das auf Daten reagiert und bessere Entscheidungen ermöglicht. Genau diesen Ansatz - KI, die sich an die Realität anpasst, statt starren Plänen zu folgen - versuchen wir auch bei Hapag-Lloyd umzusetzen.
Über Donya-Florence Amer
Donya-Florence Amer ist Mitglied des Vorstands sowie Chief Information Officer (CIO) und Chief Human Resources Officer (CHRO) bei Hapag-Lloyd, einer der weltweit führenden Containerreedereien. In dieser Doppelrolle verantwortet sie sowohl die IT-Strategie und digitale Transformation als auch die Personalentwicklung der mehr als 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit. Ihr Fokus liegt darauf, Digitalisierung und Personalentwicklung als zwei Seiten derselben Transformationsmedaille zu verstehen und zu gestalten. Donya Amer war 17 Jahre in verschiedenen Führungsrollen bei IBM tätig, bevor sie 2017 in das Board of Management der Bosch IT wechselte. 2020 gründete sie Bosch Climate Solutions und übernahm die Rolle der CEO, bevor sie im Februar 2022 zu Hapag-Lloyd kam.
Über Florian Heinemann
Florian Heinemann ist Managing Director Data Insights & AI bei Hapag-Lloyd und verantwortet mit seinem 120-köpfigen Team die Bereiche Data Infrastructure, Analytics und Künstliche Intelligenz an den Standorten Hamburg und Gdańsk. Vor seiner Zeit bei Hapag-Lloyd sammelte er umfassende Erfahrungen im Technologie- und Beratungsumfeld und studierte am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Bei Hapag-Lloyd treibt er die KI-Transformation des Unternehmens voran - von der Entwicklung des internen KI-Assistenten Marina bis zur Integration von KI in strategische Transformationsprojekte.
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