

Ob Cloud, Automatisierung oder KI: Energieversorger E.ON steigert Stabilität, Effizienz und Geschwindigkeit im Netzbetrieb und rückt Daten sowie Mitarbeiterkompetenzen ins Zentrum des Wandels. CIO Sebastian Weber erklärt, warum ohne digitale Lösungen kein modernes Energiesystem mehr denkbar ist, wie E.ON zum Taktgeber einer dezentralen Energielandschaft werden will und weshalb digitale Souveränität und europäische Technologien strategisch wichtiger sind denn je.
E.ON bezeichnet sich selbst als „Playmaker der Energiewende“. Welche konkreten Digitalisierungsziele verfolgen Sie, um diese Rolle weiter zu stärken? :
WEBER Die Energiewende verändert den Betrieb von Energieunternehmen grundlegend. Statt weniger, gut planbarer Kraftwerke müssen heute Tausende neue Anschlussbegehren für Photovoltaik-, Wind- und Speicheranlagen bewältigt werden. Diese dezentralen Anlagen speisen wetterabhängig ein – ein sonniger oder windreicher Tag kann die Netzauslastung innerhalb kurzer Zeit deutlich verändern. Um diese Komplexität sicher zu steuern, ist eine leistungsfähige digitale Basis unverzichtbar. Sie sorgt für Effizienz, Sicherheit und Skalierbarkeit. Deshalb haben wir unsere IT in die Cloud verlagert und die Systemüberwachung verbessert. Seit 2021 konnten wir so unsere Systemstabilität um 77 Prozent erhöhen und schneller auf Lastspitzen reagieren. Zudem konnten wir durch Automatisierung rund eine Million Arbeitsstunden einsparen.
In 2026 stehen für uns neben Stabilität und Sicherheit vor allem die Menschen im Mittelpunkt. Wichtig ist, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit verlässlichen, gut nutzbaren IT-Systemen arbeiten können und Business und IT noch enger zusammenrücken. Nur so bringen wir die Anforderungen der Energiewirtschaft und die digitale Expertise zusammen. Ergänzend bauen wir unsere Daten- und KI-Fähigkeiten aus und nutzen die Cloud gezielt für mehr Automatisierung – als Grundlage für effizientes Arbeiten und eine funktionierende Energiewende im Alltag. Außerdem ist unsere Digitalstrategie klar definiert, messbar und konzernweit verankert. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass Digitalisierung nicht die Aufgabe einzelner Menschen und Organisationseinheiten ist. Vielmehr zielen Strategie und Umsetzung darauf ab, durch den Einsatz von Technologien nachhaltig Mehrwert für unsere Kunden zu schaffen. Das gelingt nur, wenn der Kern des Unternehmens digitalisiert wird und nicht lediglich einzelne Bereiche sich damit beschäftigen.
Wie stellen Sie sicher, dass diejenigen Digitalisierungsmaßnahmen priorisiert und erfolgreich umgesetzt werden, die den größten Mehrwert stiften? Welche Bewertungskriterien entscheiden darüber? :
WEBER Die Digitalisierung verläuft immer anhand der Geschäftsstrategie und muss dem Kunden einen Mehrwert liefern. Sei es direkt, durch unmittelbare Verbesserungen im Service oder indirekt, indem neue Dienste überhaupt erst ermöglicht werden. Dieser Leitgedanke definiert seit jeher die Priorisierung aller Aktivitäten, so auch die der Digitalisierung. Wenn die Digitalisierung als integraler Bestandteil der Geschäftsstrategie betrachtet wird, greifen die vorhandenen Governance-Strukturen zur Priorisierung und Umsetzung. Dabei spielen erneut die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die zentrale Rolle für den Erfolg. Durch die schrittweise Einführung einer produktzentrischen Arbeitsweise, die sich an BizDevOps-Prinzipien orientiert, stehen die notwendigen Fähigkeiten zur Umsetzung von Lösungen im Mittelpunkt und nicht klassische Organisationsstrukturen.
Ohne den Einsatz digitaler Technologien ist die Energiewende gar nicht denkbar.
Wie verbessert die Digitalisierung bei E.ON konkret den Alltag der Kundinnen und Kunden? :
WEBER Der entscheidendste Punkt vorab: Ohne den Einsatz digitaler Technologien ist die Energiewende gar nicht denkbar. Das betont erneut, wie wichtig es für E.ON ist, die Digitalisierung als integralen Bestandteil allen Handelns zu betrachten. Die Digitalisierung macht den Alltag unserer Kunden einfacher, transparenter und flexibler. Digitale Services ermöglichen einen klaren Überblick über den Energieverbrauch und schaffen die Grundlage für neue Flexibilitätsangebote und innovative Tarife. Bereits heute werden über 30 Prozent unserer Kunden primär über mobile-first Interaktionen betreut, was einen schnellen, ortsunabhängigen und intuitiven Zugang zu Services ermöglicht.
Ein weiteres Beispiel ist das erste kommerzielle Vehicle-to-Grid-Angebot für Privatkunden in Deutschland, das E.ON gemeinsam mit der BMW Group umgesetzt hat. Durch bidirektionales Laden werden Elektrofahrzeuge zu aktiven Teilnehmern am Energiemarkt und ermöglichen finanzielle Vorteile bei gleichzeitiger Stabilisierung des Energiesystems. Smarte Lösungen wie der E.ON Home Energiemanager und E.ON Home Comfort optimieren Energieflüsse automatisch. Kunden profitieren finanziell, ohne zusätzlichen Aufwand, und werden zu aktiven Gestaltern einer effizienteren und nachhaltigen Energienutzung.
Welche Rolle spielt europäische digitale Souveränität heute und künftig bei Ihren Technologieentscheidungen – insbesondere im Spannungsfeld zwischen globalen Plattformen und europäischen Alternativen? :
WEBER Für E.ON ist digitale Souveränität – verstanden als die Fähigkeit, handlungsfähig zu bleiben und bewusste Wahlentscheidungen zu treffen – ein Leitprinzip unserer Technologieentscheidungen, dessen Bedeutung angesichts geopolitischer Unsicherheiten zunimmt. Vor diesem Hintergrund haben wir gemeinsam mit CIOs führender Industrieunternehmen das Forum Digitale Souveränität gegründet, um sektorübergreifend Erfahrungen zu bündeln und konkrete Handlungsoptionen für Europa zu entwickeln.
Wir setzen auf Transparenz, Risikobewertung und gezielte Diversifikation. Dazu gehören Multi-Cloud- und Hybrid-Strategien, interoperable Architekturen, der Einsatz von Open Source sowie der bewusste Aufbau und die Nutzung vertrauenswürdiger europäischer Anbieter. Auch im Hyperscaler-Umfeld beobachten wir die geopolitische Lage kontinuierlich. Entscheidend ist, dass Daten unabhängig in unseren Systemen beantwortet werden können und innerhalb unseres eigenen Ökosystems verfügbar und kontrollierbar bleiben – unabhängig davon, welche Cloud-Services eingesetzt werden.
Wie befähigen Sie Ihre Mitarbeitenden für neue Technologien, was gibt es für bereichsübergreifende Programme und Trainings? :
WEBER Unsere globale Ausbildungs-Plattform bietet interaktive Trainings für unsere 78.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und fördert gezielt Fähigkeiten in den Bereichen Data & KI, Automatisierung und Produktivität. Ergänzend richten wir Angebote an spezifischen Zielgruppen aus – etwa DevOps- und Cloud-Trainings für Technikteams oder KI-Weiterbildung und Führungskompetenzen für Manager – um die passenden Qualifikationen dort zu stärken, wo sie im Tagesgeschäft den größten Mehrwert bringen. Aktuell wird unsere interne GenAI Plattform von 35.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genutzt, um die tägliche Arbeit schneller und einfacher zu erledigen.
Die neue Generation von Chatbots mit GenAI lässt die ersten Digitalisierungsversuche des digitalen Kundendialogs von damals im Schatten stehen.
Was war (rückblickend) ein „Digitalisierungs-Fail“ – und welche Initiative bzw. welches Projekt hatte einen (überraschend) starken positiven Effekt? :
WEBER In den letzten zehn Jahren gab es sehr große Entwicklungen in allen Bereichen der Informationstechnologien. Rückblickend kann man festhalten, dass die ersten Chatbots, wie man sie von Webseiten oder Apps kennt, nicht immer dem Anspruch aller Kunden gerecht wurden. Seinerzeit wirkten sie magisch. Doch betrachtet man die neue Generation dieser Chatbots, getrieben durch KI und besonders generative KI, ist das Kundenerlebnis auf einem ganz anderen Niveau und lässt die ersten Digitalisierungsversuche des digitalen Kundendialogs von damals im Schatten stehen.
Die positiven Effekte sind deutlich leichter zu identifizieren - oder wer kann sich heute noch ein modernes Arbeiten ohne Videotelefonie direkt vom PC oder Mobiltelefon vorstellen? Doch auch E.ON-spezifische Projekte überzeugten uns nachhaltig: Gemeinsam mit envelio – einem Scale-Up in unserem Ökosystem – haben wir den digitalen Zwilling im E.ON-Verteilnetz eingeführt, um beispielsweise die Planung des Netzausbaus zu managen. Das geschah zu einer Zeit, in der viele Unternehmen auf das Thema zurecht noch skeptisch blickten. Denn obwohl die Theorie auf Anhieb überzeugend ist, sind die Anforderungen an technische Expertise und zugrundeliegende Datenqualität enorm.
Über Sebastian Weber
Mit 20+ Jahren Erfahrung in der Software- und Energiebranche gestaltet Sebastian Weber als CIO die digitale Transformation der E.ON SE. Seit 2021 verantwortet er die IT-Strategie, den IT-Betrieb, die IT-Governance und KI-Plattformen sowie die Entwicklung digitaler Kundenlösungen. Er ist Mitglied des Forbes Technology Council, des Harvard Business Review Advisory Council sowie im Gartner Global CIO Research Board. Zuvor hatte er internationale Managementpositionen bei Microsoft inne. Sein fundiertes Verständnis für die verschiedenen IT-Dimensionen hat er in Startups und bei der Boston Consulting Group erworben.
Praxisbeitrag : Unternehmen scheitern bei Digitalisierung an sich selbst – was ist das Geheimrezept der Top-Transformer?

Interview mit Markus Schaal, CIO bei voestalpine : „Zentrale Grundlagen der Digitalisierung erhalten im Kontext von KI zu wenig Aufmerksamkeit“


