Personal und Investitionen werden weiter ins Ausland verlagert – USA, China, Indien und Osteuropa profitieren.
R&D gewinnt im globalen Konkurrenzkampf an Bedeutung, wird aber ebenfalls verlagert.
China-Speed“ als Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit erfordert neue Strukturen und Mindset.
Jeder vierte Hersteller will in Defense einsteigen – doch viele Unternehmen überschätzen das Marktpotenzial.
„Grow without Growing“ ist für europäische Unternehmen das Gebot der Stunde. Im laufenden Jahr wollen insbesondere produzierende Firmen ein leichtes Wachstum von 5,6 Prozent realisieren – ohne die Personaldecke relevant zu erhöhen. Denn die Unternehmen müssen weiter Kosten reduzieren. Bei den Industrieunternehmen steht dieses Thema aktuell an erster Stelle der strategischen Prioritäten. 71 Prozent der über 1.000 von der Managementberatung Horváth befragten Vorstands- und Geschäftsführungsmitglieder benennen sie als „sehr wichtig“. „Die Kostensenkungsprogramme der letzten Jahre greifen zwar, doch die äußeren Belastungsfaktoren verstärken sich parallel. Für das kommende Jahr planen die Unternehmen Kostensenkungen in der Höhe von drei bis fünf Prozent vom Umsatz. „Das klingt nach wenig. Doch es muss berücksichtigt werden, dass das Potenzial der möglichen Hebel schon stark ausgeschöpft ist, und somit selbst dieses niedrige Ambitionsniveau sportlich ist angesichts neuer Tarifabschlüsse und der deutlichen Material- und Energiekostensteigerungen“, sagt Studienleiter Dr. Ralf Sauter, Partner bei Horváth.
„Deutsche Exportnation“ vom Erfolgs- zum Auslaufmodell – Personalabbau geht weiter – mehr als 100.000 Stellen können wegfallen
Vielfach planen die Unternehmen, zwecks Kostensenkung Personal abzubauen, stark getrieben auch von Automatisierung und KI-Implementierung. Im verarbeitenden Gewerbe planen die Firmen mit Kostensenkungsplänen im Durchschnitt einen Personalabbau um 4,7 Prozent weltweit. Deutschland trifft es am härtesten, hier fallen allein in Automotive und Maschinenbau über 70.000 bis zum Jahresende. Im Automobilsektor werden hochgerechnet voraussichtlich über 34.000 Stellen gestrichen, im Maschinenbau über 37.000. Auch in der Bauwirtschaft ist ein massiver Personalcut von über 37.000 realistisch. Treiber sind vor allem die genannten strukturellen Kostennachteile, also die hierzulande hohen Arbeitskosten im internationalen Vergleich. Regulatorik und Bürokratie fallen im Vergleich eher wenig ins Gewicht. Personalaufbau ist lediglich im Defense-Sektor geplant, der ein Umsatzwachstum von plant (+7% in 2026).
Auffällig ist dem Horváth-Partner zufolge auch, dass selbst im Bereich R&D – zur Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb gemäß 85 Prozent der befragten Industrie-Topführungskräfte enorm relevant – zunehmend ins Ausland verlagert wird. Darunter fallen etwa Innovationsentwicklung und Ingenieurstätigkeiten. „Die Kunden kaufen keine standardisierten ,Weltprodukte‘ mehr. Sie erwarten Produkte, die lokalen Bedürfnissen gerecht werden“, so Horváth-Experte Sauter.
Die Firmen verlagern Wertschöpfung zunehmend in Niedriglohnstandorte wie beispielsweise Osteuropa – bauen andererseits aber Personal in Wachstumsmärkten wie USA, China und Indien Personal auf. Auch die Investitionen fließen vermehrt in andere Länder, so dass am deutschen Headquarter weiterhin nur noch 40 Prozent verbleiben, überwiegend Instandhaltungs- und Ersatzkosten. Echte Zukunftsinvestitionen dagegen gehen, wie das Personal, vor allem in die Auslandsmärkte, allen voran USA, Indien und China.
China werde generell nicht mehr so kritisch gesehen wie noch vor ein bis zwei Jahren. „Die Unternehmen sehen sich hier zwar teilweise starken Regulierungen ausgesetzt, aber aufgrund fehlender Alternativen zur Umsatzsteigerung sind sie auf den Markt angewiesen“, so der Experte. Ähnlich verhält es sich mit den USA. „Der US-Markt ist für globale Player alternativlos. Die Wirtschaft wächst – jeglichen Zöllen und wirtschaftspolitischen Unsicherheiten zum Trotz investieren die Unternehmen hier weiter“, so Sauter.
Wettbewerbsfähigkeit erfordert neue Strukturen und „China-Speed“
China steht für die Unternehmen auch noch aus einem weiteren Grund im Fokus. „China ist das ,Gym‘ der Industriewelt. In keinem anderen Land werden so schnell innovative Produkte marktreif entwickelt, produziert und vertrieben. Die Unternehmen müssen den ,China-Speed‘ in Produktionszyklen und Technologie-Adaption lernen, wenn sie keine Marktanteile verlieren wollen“, so Studienleiter Dr. Ralf Sauter. Auch in der Studie geben neun von zehn Unternehmensverantwortliche zu Protokoll, dass sie Marktanteile zu verlieren drohen, wenn sie ihre Prozesse in Entwicklung, Produktion und Vertrieb nicht beschleunigt bekommen. Dazu gilt es dem Experten zufolge unter anderem, an Mindest, und interdisziplinärer Zusammenarbeiten zu arbeiten – aber auch, die globale Unternehmensstruktur von Grund auf anzupassen. „Die Wertschöpfung wird entsprechend der ,Local-for-Local‘-Strategien immer dezentraler. Dies erfordert neue Strukturen – schlanke Headquarter und autonomere lokale Standorte“, so Sauter.
Umsatzpotenzial mit Rüstungs- und Verteidigungsprodukten wird überschätzt
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Rund jedes vierte Industrieunternehmen liebäugelt mit einem Einstieg oder Ausbau im Geschäftsfeld Rüstung & Verteidigung, allen voran die Sektoren „Metals & Mining“ (72%), „Machinery & Industrial Automation“ (33%) sowie Automotive (38%). Den Horváth-Studienautoren zufolge ist es jedoch mehr als fraglich, dass die Unternehmen, die hier bislang noch keinen Footprint haben, wirklich von einem Markteintritt profitieren werden, da sie in vielen Fällen entweder zu spät dran sind oder das Potenzial überschätzen. Die Hersteller rechnen im Schnitt mit einem Umsatzanteil von 7-9 Prozent in diesem Segment in 2029. Diese Ziele erscheinen den Experten zweifelhaft: „Defense wird die deutsche Wirtschaft definitiv nicht retten. Medial entsteht teilweise der Eindruck, als wenn Maschinenbauer und andere Produzenten durch den wachsenden Defense-Sektor wieder ins Florieren kommen könnten – doch der Markt ist, auch global gesehen, dafür überhaupt nicht groß genug“, so Studienleiter Sauter. Überschätzt werden Sauter zufolge aber auch die Markteintrittsbarrieren. Technische und regulatorische Hürden werden erkannt, gelten jedoch nicht als unüberwindbar und unterscheiden sich daher nicht von „normalen“ Markteintrittshürden. „Was zu kurz kommt bei den Unternehmen, die im Defense-Bereich Marktanteile anvisieren, ist aber der strategische Fokus. Drei Viertel der Firmen mit Ambitionen haben noch gar keinen Plan, wie sie konkret vorgehen wollen.“
Über die Studie
Für die 7. jährliche „Horváth CxO Priorities Study“ wurden über 1.000 Vorstands- und Geschäftsführungsmitglieder großer Unternehmen aus 16 Branchen und 32 Ländern zu aktuellen Managementtrends und Geschäftsaussichten befragt. 83 Prozent der untersuchten Unternehmen erwirtschaften mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz. Produzierende Unternehmen machen die Mehrheit der befragten Firmen aus. Die Befragungen fanden von März bis Juni 2026 statt.
