Artikel: Ohne Sicherheitsstahl keine Einsatzfähigkeit – Industriepolitik im Realtest
Mit steigenden Verteidigungszielen rückt eine oft unterschätzte Ressource in den Fokus: militärisch zertifizierter Sicherheitsstahl. Der geplante Ausbau von Panzer- und Fahrzeugflotten stellt nicht nur Hersteller, sondern auch die Stahlindustrie vor neue Anforderungen. Der Artikel beleuchtet Markt, Kapazitäten und die industriepolitischen Weichenstellungen, die über Tempo und Umsetzbarkeit der Aufrüstung mitentscheiden.
Durch den russischen Angriffskrieg hat sich die westliche Nachkriegsordnung fundamental geändert. Nach Jahren der Abrüstung und der Verkleinerung europäischer Armeestärken haben sich die NATO-Mitglieder 2025 auf 5 Prozent des BIP als neuen Orientierungswert für Verteidigungsausgaben verständigt. Dieser soll bis spätestens 2035 erreicht werden. Dabei sollen 3,5 Prozent auf Kernverteidigung (Truppe, Fähigkeitsziele, Beschaffung – nach der NATO-Definition der Verteidigungsausgaben) sowie 1,5 Prozent auf breitere Sicherheitsinvestitionen wie militärtaugliche Infrastruktur (Straßen/Brücken/Häfen), Cybersicherheit oder kritische Energie-/Pipeline-Resilienz entfallen.
NATO-Generalsekretär Mark Rutte bestätigte die Notwendigkeit für diesen deutlichen Anstieg aufgrund des enormen Aufrüstungstempos Russlands. Auch Deutschland versucht durch einen höheren Wehretat und ein extra für die Verteidigung eingerichtetes Sondervermögen die Bundeswehr wieder aufzurüsten. Neben Marine und Luftwaffe soll auch das Heer wieder vergrößert werden. Dazu prüft die Bundesregierung die Bestellung von bis zu 1.000 Kampfpanzern und rund 6.500 bis 8.500 gepanzerten Radfahrzeugen, wie Reuters und Bloomberg unter Berufung auf Regierungs- und Industriekreise berichten (aktuell ca. 300 Kampfpanzer und mehr als 2.600 gepanzerte Radfahrzeuge im Bestand). Diese Zahlen entsprechen politisch diskutierten Zielgrößen bzw. Planungsszenarien; tatsächlich vertraglich fixierte Bestellungen liegen bislang im unteren dreistelligen Bereich (z.B. Leopard 2A8). Bei einer heutigen Fertigungsrate von rund 50 Leopard-2 pro Jahr wäre die geplante Flottenvergrößerung nur mit einem deutlichen Kapazitätsausbau zu erreichen.
Das Unternehmen KNDS/Krauss-Maffei Wegmann (KMW) betont, dass sich die Produktion mit verlässlichen Aufträgen innerhalb von ein bis zwei Jahren um zusätzliche Linien hochfahren lasse; erste Fahrzeuge könnten ungefähr zwei Jahre nach Auftrag zulaufen, eine Vollskalierung nach knapp drei Jahren. Zum Vergleich: Im Kalten Krieg lag die Leopard-Produktion zeitweise bei bis zu ca. 300 Panzern pro Jahr. Mit Investitionen, Doppelschichten und stabilen Zulieferketten halten die Hersteller künftig mehr als 100 Kampfpanzer pro Jahr für realistisch – vorausgesetzt, Rheinmetall und KMW sowie kritische Zulieferer (u.a. Sicherheitsstahl, Optik, Elektronik) skalieren parallel. Neben dieser Herausforderung muss aber auch ein besonderes Augenmerk auf den dafür benötigten Stahl geworfen werden.
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In Europa ist SSAB mit Sitz in Schweden seit Jahren der wichtigste Anbieter ballistischer Panzerbleche und hat lange Zeit einen Großteil des für europäische Programme benötigten Sicherheitsstahls, auch für deutsche Rüstungsschmieden, geliefert. Die Spezialstahlsparte von SSAB produziert jährlich rund zwei Millionen Tonnen hochfester Stähle, zu denen auch ein signifikanter Anteil an Schutz- und Panzerblechen gehört. Thyssenkrupp hatte seine entsprechende Panzerstahlproduktion bereits vor einigen Jahren an die Salzgitter-Gruppe abgegeben und stellt heute selbst keinen zertifizierten Sicherheitsstahl mehr her.
Was unterscheidet Sicherheitsstahl von gewöhnlichem Stahl?
Sicherheitsstahl muss durch Kombination von Härte und Zähigkeit in der Lage sein, Geschossen und anderen Bedrohungen standzuhalten. Typischerweise werden Elemente wie Mangan, Nickel, Molybdän und Chrom dem Stahl hinzugefügt, wobei ein Beimischen von Kohlenstoff und Stickstoff die Festigkeit weiter verstärkt. Der Fertigungsprozess sieht wie folgt aus:
Je nach genauem Bedarf bzw. Anwendungsgebiet wird der Sicherheitsstahl in unterschiedlicher Festigkeit produziert. Typischerweise wird mit 12 Monaten Vorlaufzeit die gewünschte Menge durch den Kunden bestellt. Kann nun jeder Stahlhersteller hier einsteigen? Unternehmen wie Rheinmetall – aktuell mit einem jährlichen Bedarf von 250.000 Tonnen – möchten verstärkt in Deutschland ihren Sicherheitsstahl beziehen. Neben notwendigen Fertigungsanlagen sind bestimmte Zertifizierungen notwendig, welche zum Teil mehrjährige Prüfverfahren mit sich bringen. In Deutschland ist hierfür die Wehrtechnische Dienststelle für Waffen und Munition (WTD 91) zuständig, die das Zertifikat TL 2350-0000 vergibt. Mit dieser Lizenz darf man Sicherheitsstahl für die Bundeswehr herstellen. Diese bürokratische Vorgabe stellt eine erhebliche Eintrittsbarriere dar.
Wie sieht die Situation bei deutschen Firmen aus?
Die Dillinger Hütte verfügt seit März 2022 mit DIFENDER über die TL 2350-0000-Zulassung und bietet damit ein breites Spektrum gepanzerter Grobbleche in verschiedenen Härtegraden und Blechdicken für Bundeswehr-Anwendungen. Die Salzgitter AG (Ilsenburger Grobblech) erhielt am 8. Juli 2025 die TL 2350-0000-Zulassung für SECURE 500® (6–16 mm) und erweiterte diese im November 2025 auf SECURE 500® (6–25 mm) sowie SECURE 450® (6–20 mm); nach Unternehmensangaben kann Salzgitter damit bereits mehr als die Hälfte des typischen Stahlbedarfs eines militärischen Fahrzeugs mit eigenen Sicherheitsstählen abdecken, weitere Güten wie SECURE 400® und SECURE 600® befinden sich in der Zulassung. Ergänzend fertigt die Friedrich-Wilhelms-Hütte (KNDS) hochfeste Sicherheitsstahl-Gussteile. KNDS bezeichnet die Friedrich-Wilhelms-Hütte als „führenden Hersteller in Europa für Sicherheitsstahl höchster Qualifizierungsstufe“ (u.a. Bauteile für BOXER, LEOPARD 2, PUMA) und liefert damit zentrale Gusskomponenten für gepanzerte Fahrzeuge der Bundeswehr und weiterer NATO-Staaten.
Margenseitig ist Sicherheitsstahl attraktiv: in Phasen niedriger Stahlpreise (Überkapazitäten, Zölle/Handelsbarrieren) bietet er für deutsche Hersteller ein interessantes Premium-Segment. Vor diesem Hintergrund rechnet Horváth für Deutschland in den nächsten rund 10 Jahren mit einem zusätzlichen Bedarf von ungefähr 0,2 Millionen Tonnen Sicherheitsstahl (im Durchschnitt um die 20.000 t/Jahr) – getrieben durch die geplante Beschaffung von ca. 1.000 Kampfpanzern und rund 6.500–8.500 Radfahrzeugen. Das ist relativ klein im Verhältnis zur Gesamtstahlproduktion, aber signifikant im Kontext militärisch zertifizierter Güten. Bei einer deutschen Rohstahlproduktion von 37,2 Millionen Tonnen im Jahr 2024 ist der militärische Mehrbedarf zwar mengenmäßig überschaubar – selbst die geplante Flottenausweitung entspricht in Deutschland grob nur rund 0,2 Mio. Tonnen über zehn Jahre, doch sie trifft genau den Engpass: ballistisch zertifizierte Güten.
Entscheidend sind nicht Tonnen, sondern Zulassung, Prozess-Know-how und verlässliche Lieferzeiten. Auch wenn mit Dillinger, Salzgitter/Ilsenburg und FWH inzwischen zusätzliche Quellen entstehen, bleibt Europa in der Praxis noch stark von wenigen zertifizierten Anbietern abhängig. Jede Verzögerung bei Zulassungen, Investitionsentscheidungen oder langfristigen Abnahmezusagen bremst die Programme unmittelbar aus. Die Antwort ist eine „Souveränitätskette“: beschleunigte WTD-91-Zertifizierungen, industriepolitisch flankierter Kapazitätsaufbau bei Dillinger, Salzgitter/Ilsenburg und FWH, langfristige Abnahmeverträge (Offtake-Verträge) der Systemhäuser sowie gezielte Förderung von Wärmebehandlung, Plattierung und Prüfständen. Erst wenn diese Bausteine konsequent umgesetzt werden, wird Sicherheitsstahl wirklich vom Flaschenhals zum Standortvorteil, und Europas Aufrüstung erhält die industrielle Basis, die sie braucht, bevor die nächste Krise sie einfordert.
Souveränitätskette konsequent umsetzen
Die Umsetzung dieser Souveränitätskette erfordert, dass Politik, Stahlindustrie und Systemhäuser ihre Entscheidungen enger verzahnen. Verteidigungs- und Stahlunternehmen sollten frühzeitig Kapazitäten planen, Lieferketten absichern und Investitionen in Zertifizierungen, Anlagen und digitale Steuerung der Wertschöpfung systematisch priorisieren, um von den anstehenden Programmen zu profitieren. Als erfahrener Transformationspartner mit ausgewiesener Expertise in Defense, Metall- und Stahlindustrie unterstützt Horváth Unternehmen entlang der gesamten Kette: von Szenario- und Kapazitätsplanung über Make-or-Buy-Analysen und die Strukturierung langfristiger Offtake-Verträge bis hin zu KPI-basiertem Performance- und Risikomanagement. Erfahren Sie mehr über unsere Lösungen für die Stahlindustrie und den Defense Sektor oder wenden Sie sich für eine persönliche Beratung an unsere Expert:innen.