Studie zu Managementprioritäten - Effizienz als neue Währung – Strategie wird vernachlässigt

  • KI-Implementierung als höchste Managementpriorität soll Kostendruck und Personalprobleme lösen
  • Bei SG&A geht es ans Eingemachte: Headquarter-Funktionen werden verschlankt, Mittelmanagement reduziert und administrative Tätigkeiten neu organisiert
  • Strategische Weiterentwicklung gerät in den Hintergrund
  • Fehlende Innovation und „AI-Layoff-Trap“ als unterschätzte Risiken, gerade für Unternehmen mit geringer KI-Reife

Die Ergebnisse einer aktuellen Horváth-Studie auf Basis einer Befragung von über 1,000 Topführungskräften großer europäischer Unternehmen zeigen eine klare Verschiebung der Prioritäten: Die Digitalisierung – insbesondere durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz – rückt an die Spitze der Agenda und liegt inzwischen vor klassischen Themen wie Kostenoptimierung und deutlich vor dem Fachkräftemangel, der spürbar an Bedeutung verliert. Diese Verschiebung markiert einen Wendepunkt: Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit weniger durch fehlende Ressourcen als vielmehr durch Produktivität, Technologieeinsatz und strukturelle Effizienz bestimmt.

Die Ergebnisse deuten zugleich auf einen grundlegenden Wandel der Wachstumslogik hin. Zwar rechnen viele Unternehmen weiterhin mit steigenden Umsätzen, der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten oder Belegschaften spielt jedoch eine deutlich geringere Rolle als in den Vorjahren. Wachstum soll künftig vor allem durch Produktivitätssteigerungen, Automatisierung und den gezielten Einsatz neuer Technologien erzielt werden.

„Gerade der Dienstleistungssektor treibt diesen Shift über die letzten Jahre konsequent voran. Er ist vom demografischen Wandel besonders betroffen, die weitere Digitalisierung von Prozessen ist für ihn alternativlos“, sagt Heiko Fink, Vorstand und Studienleiter der Managementberatung Horváth.

Bei Industrieunternehmen steht dagegen die Kostenoptimierung an erster Stelle der aktuellen Agenda, knapp vor der Digitalisierung. Der Fachkräftemangel ist vom sechsten auf den achten Platz im Ranking gerutscht. „Spätestens mit Verabschiedung aktueller KI-Implementierungspläne sehen produzierende Unternehmen in fehlendem Personal kein Problem mehr. Hier ist nicht das Problem, dass nicht ausreichend Fachkräfte verfügbar sind – sondern, dass sie regional, gerade im deutschen Raum, zu teuer sind“, so Fink.

Bei SG&A geht es ans Eingemachte

Ein wesentlicher Ansatzpunkt, nicht nur bei Herstellern, sondern auch bei Dienstleistern, ist der konsequente Abbau von SG&A-Strukturen: Headquarter-Funktionen werden verschlankt, das Mittelmanagement reduziert und administrative Tätigkeiten neu organisiert. „Der Trend zu Shared-Service-Strukturen wird konsequent weiterverfolgt, Backoffice-Funktionen systematisch in Low-Cost-Regionen verlagert. Die Bedeutung der Firmenzentrale in der neuen Local-for-Local-Produktionswelt wird in den Unternehmen neu verhandelt und definiert. „Die Supply Chain wird neu interpretiert – nicht mehr primär als physische Lieferkette, sondern als globale Organisation von Leistungs- und Prozessstrukturen. Unternehmen gestalten ihre Operating Models entsprechend neu und verlagern Funktionen, um näher an den Märkten zu sein und vor Ort in Technologie und Produktionsgeschwindigkeit aufzuholen, beispielsweise in China, Stichwort Robotics und Dark Factory“ sagt Horváth-Vorstand Heiko Fink. Parallel dazu richten viele Unternehmen ihre Wertschöpfungsstrukturen neu aus. Produktion, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie weitere Unternehmensfunktionen werden zunehmend näher an wichtigen Absatzmärkten angesiedelt. Das Prinzip „local for local“ gewinnt damit weiter an Bedeutung. Ziel ist es, Kostenstrukturen zu optimieren, Risiken in globalen Lieferketten zu reduzieren und Wachstumschancen vor Ort besser zu erschließen.

Die Kostensenkungsprogramme fallen entsprechend ambitioniert aus. Produzierende Unternehmen planen Einsparungen in Höhe von durchschnittlich 5,5 Prozent ihres Umsatzes, Dienstleistungsunternehmen von rund 3,2 Prozent. Während die Industrie Einsparungen vor allem bei SG&A-Kosten, Material- und indirekten Produktionskosten anstrebt, stehen im Dienstleistungssektor insbesondere Personalkosten im Mittelpunkt.

KI-Investitionen steigen an – doch Erwartung und Fortschrittstempo klaffen auseinander

Investitionen in Künstliche Intelligenz steigen in 14 von 16 untersuchten Branchen an, am stärksten im Service-Sektor. So haben Banken und Finanzdienstleister sowie Professional-Service-Firmen ihre KI-Budgets für die kommenden zwölf Monate nochmals um etwa 7,5 Prozent erhöht. Auch der Public-Sektor und Logistikunternehmen investieren stark. Auf Industrie-Seite sind es vor allem der Automotive-Sektor und die Bauwirtschaft, die Budgets erhöhen (+3,5 %; +3,6 %), jedoch investieren produzierende Unternehmen im Vergleich zu Dienstleistern deutlich geringere Umsatzanteile in die KI-Transformation.

Unter den Herstellern befinden sich auch viele Organisationen bislang allenfalls in einer mittleren Reifephase („Structured Approach“ oder „Implementation“), das heißt: AI wird zwar breit pilotiert und in ausgewählten Anwendungsfällen eingesetzt, eine durchgängige Integration in End-to-End-Prozesse oder das Operating Model ist jedoch noch selten. Gleichzeitig befindet sich die Mehrheit der Unternehmen weiterhin in frühen bis mittleren Reifegraden der KI-Nutzung. Besonders fortgeschritten ist die Implementierung in operativen und administrativen Prozessen. Deutlich seltener sind KI-Anwendungen bereits vollständig in End-to-End-Prozesse oder in Produkte und Dienstleistungen integriert.

Dennoch sind die Erwartungen, auch von Aufsichtsräten und Kapitalgebern, hoch: Unternehmen kalkulieren mit Produktivitätssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich (10-15 %), insbesondere in Overhead-Funktionen, Vertrieb und operativen Prozessen. Als zentrale Herausforderung wird dabei weniger die Technologie selbst gesehen, sondern vielmehr die Datenbasis, Skalierbarkeit und fehlende Skills in der Organisation.

Über alle Branchen hinweg haben sich Datenqualität und Datenverfügbarkeit als größte Hürde der KI-Transformation etabliert. Ebenfalls herausfordernd sind die Integration von KI in bestehende Prozesse sowie fehlende Kompetenzen und Qualifikationen in den Organisationen. Die Unternehmen erwarten durch KI in den kommenden drei Jahren Produktivitätssteigerungen von durchschnittlich zehn bis fünfzehn Prozent. Die größten Effekte werden in den Bereichen IT und Digitalisierung, Finance & Controlling sowie operativen Prozessen erwartet.

„Gerade produzierende Unternehmen müssen darauf achten, nicht in die ‚AI-Layoff-Trap‘ zu geraten. Unternehmen nutzen AI als Begründung für schnellen Personalabbau, um kurzfristig Kosten zu senken und Effizienzpotenziale zu realisieren. Doch im Vergleich zu Dienstleistern hat die Industrie bislang vergleichsweise wenig in AI investiert. Dabei liegt gerade in ihrer Anwendung in der Produktion, also in Industrial AI, das größte Wachstumspotenzial.“, so Fink.

Arbeit am Produktportfolio wird vernachlässigt

Die Studie offenbart zudem ein weiteres strukturelles Risiko: Während Effizienzprogramme und organisatorische Anpassungen konsequent vorangetrieben werden, bleibt die strategische Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen und Produktportfolios vielfach zurück. „Es gilt, den gesamten Wertschöpfungs-Footprint zu optimieren, eigene Technologien wettbewerbsfähig weiterzuentwickeln und den Platz im Wettbewerbsumfeld neu zu definieren“, sagt der Experte.

Auch im Ranking bleiben klassische Zukunftsthemen vergleichsweise weit hinten auf der Agenda. Die Neuausrichtung von Geschäftsmodellen rangiert branchenübergreifend lediglich auf Platz zehn der Managementprioritäten, Innovation und Forschung auf Platz sechs. Nachhaltigkeit verzeichnet gegenüber dem Vorjahr erneut einen deutlichen Bedeutungsverlust.

Die Studie zeigt zudem, dass Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen zunehmend entlang eines Dreiklangs aus Kostenstruktur, geopolitischen Risiken und Wachstumsperspektiven treffen. Entsprechend verschieben sich Investitionen und Wertschöpfungsanteile verstärkt in Regionen wie Nordamerika, Indien und China. Europa und insbesondere Deutschland stehen dadurch unter erhöhtem Druck, ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter zu verbessern.

„Wir beobachten derzeit keine klassische Deindustrialisierung, sondern eine strategische Neuverteilung von Wertschöpfung. Unternehmen folgen den Märkten, den Kostenstrukturen und den Wachstumsperspektiven. Wer diese Entwicklung als bloße Standortverlagerung interpretiert, greift zu kurz“, so Horváth-Vorstand Heiko Fink. „Umso wichtiger ist es, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands konsequent und mit einem realistischen Blick auf die globalen Rahmenbedingungen neu zu denken. Gleichzeitig dürfen Unternehmen bei aller Effizienzorientierung die gezielte Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle und Angebote nicht aus den Augen verlieren.“

Die Studie zeigt darüber hinaus eine fortschreitende regionale Neuausrichtung der Unternehmensaktivitäten. Viele Unternehmen planen bis 2030 zusätzliche Investitionen und Personalaufbau insbesondere in Indien, Nordamerika und China. Gleichzeitig rechnen die Befragten mit einem Rückgang von Beschäftigung und Wertschöpfung in Deutschland sowie in West- und Südeuropa. Betroffen sind dabei nicht nur Produktionsstandorte, sondern zunehmend auch Funktionen wie Forschung & Entwicklung oder Einkauf.

Über die Studie

Für die 7. jährliche „Horváth CxO Priorities Study“ wurden über 1.000 Vorstands- und Geschäftsführungsmitglieder großer Unternehmen aus 16 Branchen und 32 Ländern zu aktuellen Managementtrends und Geschäftsaussichten befragt. 83 Prozent der untersuchten Unternehmen erwirtschaften mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz. Produzierende Unternehmen machen die Mehrheit der befragten Firmen aus. Die Befragungen wurden Ende des 2. Quartals 2026 abgeschlossen. Hier gibt es den Studienbericht zum Download: https://www.horvath-partners.com/de/media-center/studien/7-jaehrliche-horvath-cxo-priorities-studie