Studie: Trotz steigender Beiträge – immer weniger GKV-Versicherte wollen ihre Krankenkasse wechseln

  • Nur elf Prozent der Versicherten ziehen einen Wechsel in Betracht
  • Junge Erwachsene und Familien sind besonders offen für eine neue Kasse
  • 58 Prozent wünschen sich ihre Krankenkasse als Gesundheitscoach

Die Kostendebatte im Gesundheitssektor reißt nicht ab. Trotz steigender Beiträge denken jedoch immer weniger gesetzlich Versicherte darüber nach, ihre Krankenkasse zu wechseln. Nur noch elf Prozent der GKV-Versicherten, die ihre Wechselmöglichkeit kennen, erwägen zur Konkurrenz abzuwandern. Im Vorjahr waren es noch 37 Prozent, was einem Rückgang von knapp 26 Prozentpunkten entspricht. Damit ist die Wechselbereitschaft auf das Niveau von Anfang 2022 zurückgefallen – einer Phase, in der die Zusatzbeiträge noch vergleichsweise stabil waren. Dies sind Ergebnisse des aktuellen „GKV-Wechselmonitor 2026“ der Managementberatung Horváth, für den repräsentativ 1.550 Personen, darunter 1.320 gesetzlich Versicherte, befragt wurden.

 

Gewöhnung und Zufriedenheit bremsen Wechselbereitschaft

Dabei ist die Möglichkeit eines Kassenwechsels neun von zehn GKV-Versicherten bekannt. Die Entwicklung deutet vielmehr auf einen Gewöhnungseffekt hin. „Viele Versicherte rechnen inzwischen damit, dass ihre Kosten für die Krankenversicherung weiter steigen – unabhängig davon, bei welcher Kasse sie versichert sind“, sagt Simon Arne Manner, Partner bei Horváth. „Statt zu wechseln, nehmen sie höhere Beiträge zunehmend resigniert hin.“ Zudem sieht die Mehrheit schlicht keinen Grund für einen Wechsel: Denn 83,5 Prozent der gesetzlich Versicherten sind mit ihrer Kasse zufrieden, 79,5 Prozent fühlen sich gut betreut.

Hinzu kommt eine geringe Kostentransparenz: Mehr als jeder zweite gesetzlich Versicherte kennt die Höhe seines eigenen Zusatzbeitrags nicht. Seit Ende Juli entfällt zudem bei steigenden Zusatzbeiträgen die bisherige individuelle Informationspflicht der Krankenkassen. „Das dürfte dazu führen, dass Beitragserhöhungen künftig noch weniger bewusst wahrgenommen werden“, ordnet Manner von Horváth ein.

 

Junge Versicherte und Familien bleiben besonders wechselbereit

Auch wenn die Wechselbereitschaft insgesamt deutlich gesunken ist, bleiben vor allem junge Versicherte und Familien wichtige Zielgruppen für Krankenkassen. Rund 36 Prozent der jungen Versicherten und 31 Prozent der jungen Familien denken aktuell über einen Wechsel nach. Bei den Senioren sind es hingegen lediglich rund drei Prozent. Dabei ist der Beitragssatz nicht allein ausschlaggebend: Zwar geben fast 50% an eine Beitragsersparnis bei einem Wechsel zu verfolgen, es gibt jedoch zahlreiche weitere Differenzierungsfaktoren. „Wer diese wechselbereiten Zielgruppen gewinnen will, muss mehr bieten als einen attraktiven Beitragssatz. Neben Zusatzleistungen spielen auch Qualität des Kundenservices sowie der Zugang zu Versorgungsangeboten und Ärzten eine wichtige Rolle“, sagt GKV-Experte Manner. Zu den wichtigsten Leistungen gehören Angebote rund um die Zahngesundheit (59 Prozent), erweiterte Krebsvorsorge (54 Prozent), zusätzliche Vorsorgeangebote z.B. Impfungen und Screenings (51 Prozent) sowie Angebote bei Sehhilfen und Hörgeräten (45 Prozent).

 

Vom Kostenträger zum Gesundheitscoach

Darüber hinaus können sich Krankenkassen zunehmend darüber profilieren, wie gut sie Versicherte in Gesundheitsfragen begleiten. 58 Prozent der gesetzlich Versicherten sind etwa der Meinung, dass ihre Krankenkasse wie ein Gesundheitscoach agieren sollte. 53 Prozent wünschen sich dabei mehr Orientierung bei der Einschätzung von Symptomen. Bisher spielen Krankenkassen bei kurzfristigen medizinischen Fragen allerdings nur eine Nebenrolle. Lediglich acht Prozent nennen den persönlichen Kontakt zur Krankenkasse als Anlaufstelle, sieben Prozent deren digitale Angebote.

KI-gestützte Services können Krankenkassen dabei helfen, diese Rolle auszubauen. 35 Prozent der gesetzlich Versicherten würden KI-basierte Angebote nutzen, um Diagnosen oder Befunde besser zu verstehen. 26 Prozent würden sich von einem KI-Angebot eine Ersteinschätzung geben lassen. Dabei genießen KI-Angebote von Krankenkassen ein hohes Vertrauen. 20 Prozent geben an diesen mehr zu vertrauen als solchen von privaten Anbietern, während 20 Prozent indifferent ist und nur 5 Prozent private Anbieter bevorzugt. „Der GKV-Markt wird nicht automatisch träger, sondern selektiver“, erläutert Horváth-Partner Manner. „Künftig können sich Krankenkassen stärker darüber differenzieren, wie gut sie ihren Versicherten Orientierung geben und diese dabei unterstützen, gesund zu bleiben. KI kann dabei helfen, Informationen verständlicher zu machen und Angebote leichter zugänglich zu gestalten. So können sich Krankenkassen vom reinen Kostenträger zum aktiven Gesundheitsbegleiter weiterentwickeln und eine stärkere Rolle bei der Gestaltung und Steuerung der Versorgung übernehmen.“

 

Über die Studie

Für die Studie „GKV-Wechselmonitor 2026“ hat das Marktforschungsinstitut YouGov im Juli 2026 im Auftrag von Horváth mehr als 1.500 gesetzlich Versicherte mit Wohnsitz in Deutschland online befragt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für Geschlecht, Alter und Region.