Horváth-Studie: Versicherer stehen vor Strategiewechsel

  • Preiswachstum reicht nicht mehr aus 

  • Produktivität wird zur zentralen Gewinnquelle

  • KI trennt erstmals systematisch Marktführer und Nachzügler

Das bislang überwiegend preisgetriebene Wachstum der Assekuranzen stößt an seine Grenzen. Nun rückt das Stückewachstum wieder in den Fokus der Branche. Für das Jahr 2026 rechnen Versicherer mit einem geringeren Umsatzplus (4,5 Prozent) als der Gesamtmarkt (6,3 Prozent). Um die Gewinnspanne zu verbessern, setzt die Branche strategisch noch stärker auf KI und digitale Transformation. Produktivität wird zur zentralen Wachstumsquelle. Gleichzeitig ist für 2026 und 2027 kein Personalwachstum geplant. Das sind Ergebnisse der Studie „Assekuranzen 2026“ von Horváth.

Keine andere Branche ist derzeit so preisgetrieben wie der Versicherungssektor. 57 Prozent des Umsatzes stammen aus Preiserhöhungen, nur 43 Prozent aus Neugeschäft und zusätzlichen Verträgen. Zum Vergleich: Im Bankensektor entfallen 74 Prozent des Umsatzwachstums auf Neugeschäft, im Handel sind es 71 Prozent. „Das bisherige Wachstumsmodell der Versicherungsbranche stößt an seine Grenzen. Künftiges Wachstum muss stärker aus Neukunden, Bestandskundenentwicklung und zusätzlichem Geschäft je Kunde kommen – nicht aus Prämienanpassungen“, sagt Horváth-Partner Martin Müller. 

Versicherer kämpfen weniger mit Algorithmen und mehr mit Prozessen 
Um mehr Stückewachstum zu erzielen, müssen Versicherer Beratungsstärke und datengetriebene Steuerung im Bestandskundenmanagement kombinieren. Viele CxOs der Branche wissen, woran es bislang hapert: Seit sieben Jahren steht die digitale Transformation unverändert an der Spitze ihrer strategischen Prioritäten. Bei der Umsetzung spaltet sich der Markt jedoch in zwei Lager: Versicherer mit mehr als zehn Milliarden Euro Prämienvolumen haben KI in ihren operativen Prozessen bereits zu 53 Prozent vollständig skaliert, während kleinere Häuser nur auf 24 Prozent kommen. „Die größte Hürde für den KI-Erfolg sind nicht die Algorithmen, sondern fehlende Fähigkeiten, Datenqualität, End-to-End-Prozesse und Governance“, erklärt Martin Müller.

Dementsprechend konzentrieren sich die Investitionsbudgets weiterhin auf die Ablösung von Altsystemen, auf Datenplattformen sowie auf KI-nahe Investitionen wie GenAI, Automatisierung und Agenten. 66 Prozent der Versicherer bewerten die Modernisierung ihrer IT-Kernsysteme sowie die Migration in die Cloud als sehr wichtigen Investitionsschwerpunkt ein. Für 53 Prozent haben Investitionen in digitale Ressourcen wie KI, Robotics, Analytics und Data Lakes höchste Priorität.

Wachstum wird von Beschäftigung entkoppelt
Gleichzeitig verändern sich die gefragten Kompetenzen der Mitarbeitenden: Der Bedarf an Tech-, Daten- und KI-Kompetenzen steigt deutlich. Eine weitere Herausforderung bei der KI-Skalierung ist jedoch fehlendes Know-how. Die Versicherer sehen mangelnde Kompetenzen und Fähigkeiten als größten Engpass für die Skalierung von KI, noch vor fragmentierten Datenstrukturen und veralteten Systemlandschaften.

Zur Verbesserung der Kosten- und Profitstrukturen entkoppeln sie Wachstum und Personal. Für 2026 und 2027 ist branchenweit kein Personalwachstum vorgesehen. Die Mitarbeiterzahl bleibt kurzfristig stabil, während Versicherer mittelfristig mit einem moderaten Rückgang von rund zehn bis 20 Prozent rechnen. Haupttreiber sind Produktivitätsgewinne durch KI und Automatisierung im operativen Geschäft sowie in Supportfunktionen, die einen geringeren Personalbestand ermöglichen. „Den Personalabbau erreicht die Branche überwiegend nicht durch Kündigungen, sondern durch natürliche Fluktuation und den Verzicht auf Nachbesetzungen. Diese Entwicklung wird zusätzlich durch die demografische Entwicklung begünstigt“, sagt Horváth-Partner Martin Müller. 

 

Über die Studie

Für die Horváth-Studie „Assekuranzen 2026“ wurde eine repräsentative Auswahl von Vorstandsmitgliedern und Geschäftsführern aus Versicherungsunternehmen in der DACH-Region befragt. Die Stichprobe umfasst mehr als 100 Befragte, mit denen persönliche Tiefeninterviews geführt wurden. Die Interviews fanden im Rahmen der internationalen und branchenübergreifenden Horváth-Studie „CxOs Priorities 2026“ statt, für die insgesamt mehr als 1.000 Unternehmensverantwortliche branchenübergreifend befragt wurden.