Etwa 34.000 Arbeitsplätze gehen 2026 in der deutschen Autoindustrie verloren
KI-Investitionen werden 2026 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht
Große Mehrheit der Top Manager ist vom Durchbruch der E-Mobilität überzeugt
Führungskräfte sehen keine Fortschritte der Politik bei den Rahmenbedingungen für die Automobilindustrie
Wettbewerber aus China verdrängen die deutsche Autoindustrie weiterhin massiv aus profitablen Märkten. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, befindet sich die Branche in einem Prozess der Neupositionierung. 92 Prozent der Vorstände und Geschäftsführer in der deutschen Automobilindustrie halten Innovation für entscheidend, da eine Kostenführerschaft nicht erreichbar ist. Als Katalysatoren sollen mehrere strategische Hebel wirken, darunter der gezielte Einsatz von KI, die Neuausrichtung von Strategie- und Geschäftsmodellen sowie eine weiterhin strenge Kostenoptimierung. Das sind Ergebnisse der Studie „CxO Priorities“ von Horváth.
Die deutsche Automobilindustrie drückt beim technologischen Wandel aufs Tempo. Im Ranking der strategischen Prioritäten auf der Top-Management-Agenda belegt die KI-Transformation den zweiten Platz. Im Vergleich zu 2025 ist der Prioritätswert weiter gestiegen. Das spiegelt sich auch in den Budgets wider: Die deutsche Autoindustrie investiert in 2026 etwa. 1,4 Prozent ihres Umsatzes in die Entwicklung und den Einsatz von KI und damit mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Sie übertrifft damit auch andere Zweige des produzierenden Gewerbes deutlich, die durchschnittlich 0,5 Prozent ihres Umsatzes investieren.
Mehrheit der Unternehmen arbeitet an End-to-End-Prozessen
„Der Reifegrad der KI-Nutzung ist im Jahresvergleich erheblich angestiegen“, sagt Horváth-Partner Frank Göller. „Nahezu alle befragten Unternehmen beschäftigen sich mittlerweile intensiv mit KI, verfügen über eine KI-Strategie und haben bereits eine Roadmap für den weiteren Ausbau definiert. Dabei beobachten wir einen klaren Wandel: Der Fokus verlagert sich von einzelnen KI-Anwendungsfällen hin zu optimierten End-to-End-Prozessen mit vernetzten KI-Agenten."
In den kommenden drei Jahren sollen sich die KI-Anstrengungen durch deutliche Produktivitätssteigerungen auszahlen. Insbesondere die Hersteller rechnen mit einem Schub bei IT und Digitalisierung (20 Prozent) sowie bei Forschung und Entwicklung (19 Prozent). Die Einschätzungen einzelner Top-Manager zur konkreten Höhe der Produktivitätsgewinne unterscheiden sich jedoch um bis zu 20 Prozentpunkte für die einzelnen Einsatzbereiche. „KI ist eine neue Technologie, für die es noch keine langjährigen Erfahrungswerte gibt. Die technischen Möglichkeiten haben sich allein in den vergangenen zwölf Monaten revolutionär weiterentwickelt. Die große Bandbreite der Produktivitätserwartungen spiegelt einerseits hohe Erwartungen wider und andererseits die Unsicherheit des Top-Managements darüber, wie schnell die Potenziale tatsächlich im operativen Geschäft realisiert werden können“, erläutert Frank Göller.
Kostendisziplin bleibt strategisch am wichtigsten
Die Automobilunternehmen planen für 2026 mit einer EBIT-Marge von 4,7 Prozent und somit mit weniger als der Hälfte des Durchschnitts aller Branchen (10,1 Prozent). Der Druck auf die Profitabilität ist enorm und erklärt, warum die Unternehmen die strenge Kostenoptimierung nicht zurückfahren. Wie schon im Vorjahr bleibt die Verbesserung der Kosten- und Ertragsstruktur für die Automobilbranche die wichtigste strategische Priorität. Für 2026 sind Kosteneinsparungen von 3,8 Prozent ihres Umsatzes geplant (2025: 2,8 Prozent). Mehr als die Hälfte dieser Einsparungen soll bei zwei Posten erzielt werden: bei den Materialkosten (35 Prozent) und den allgemeinen Verwaltungskosten (22 Prozent).
Dabei setzt die Autobranche auch an sichtbarer Stelle an: „Nach unserer Hochrechnung auf Basis der Studienergebnisse und ausgehend von der VDA-Gesamtbeschäftigtenzahl in der Autoindustrie ergibt sich für Deutschland ein Abbau von etwa 34.000 Arbeitsplätzen. Global betrachtet geht die Beschäftigung bei den befragten Unternehmen dagegen nur moderat zurück, um etwa 0,2 Prozent, da es sich überwiegend um globale Konzerne handelt. Der Stellenabbau in Deutschland und Mitteleuropa steht damit im deutlichen Kontrast zu einer weitgehend stabilen weltweiten Beschäftigung und ist vor allem auf Verlagerungen zurückzuführen", sagt Frank Göller. 84 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Zunahme der Beschäftigten in Indien aus, gefolgt von Afrika (67 Prozent) und Nordamerika (61 Prozent).
Bei den Entscheidungen spielen Lohnkosten eine zentrale Rolle, daneben auch Standortfaktoren wie Genehmigungsverfahren, Flexibilität und Bürokratie. „Das Vertrauen der Top-Manager der Autoindustrie in die Politik in Berlin und Brüssel ist im Vergleich zum Vorjahr massiv eingebrochen. Dies wurde in unseren persönlichen Gesprächen sehr deutlich“, so Frank Göller. 92 Prozent der Top-Manager geben an, dass es der deutschen Bundesregierung nicht gelungen ist, die Rahmenbedingungen für die Autoindustrie zu verbessern. Im Vorjahr waren dagegen noch 84 Prozent optimistisch, dass die neue Bundesregierung die Wettbewerbsfähigkeit stärken werde. An einen erfolgreichen Bürokratieabbau durch die Europäische Union glauben nur 26 Prozent der Befragten.
Weiterhin Investitionen in Deutschland
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen planen die deutschen Unternehmen in den kommenden 5 Jahren einen Anteil von 34 Prozent der Investitionen im Heimatmarkt. Ein erheblicher Teil der Investitionen ist notwendig, um die bestehenden Standorte für neue Fahrzeugmodelle zu ertüchtigen, etwa durch Automatisierung und den Einsatz von KI. Zwei Drittel der befragten CxOs bleiben optimistisch, dass batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) innerhalb der nächsten drei Jahre in Europa und Deutschland den Durchbruch schaffen.
„Die Studienergebnisse zeigen, dass die Neupositionierung der Autobranche auf mehreren Ebenen ansetzt: Die Unternehmen verbessern weiterhin ihre Kostenstruktur, bei den Produkten ebenso wie in den Werken und in der Gesamtorganisation. Gleichzeitig investieren sie in Zukunftstechnologien und passen ihre Strategien sowie Geschäftsmodelle an, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern“, sagt Horváth-Partner Frank Göller.
Über die Studie
Für die Horváth-Studie „CxO Priorities 2026“ wurden Tiefeninterviews mit insgesamt über 1.000 Vorständen und Geschäftsführungsmitgliedern großer international agierender Unternehmen geführt, davon 90 OEMs und Zulieferer, mehrheitlich aus Deutschland. Die Interviews wurden im zweiten Quartal 2026 geführt und im Juli ausgewertet.
