Artikel : Zwischen Forschung, Lehre und Wirtschaftlichkeit: Aufbau einer modernen Beschaffungsorganisation an Universitäten

Beschaffung an Universitäten bewegt sich in einem Spannungsfeld: Einerseits sind die Bedarfe von Forschung und Lehre spezifisch und schnelllebig. Andererseits steigen die Anforderungen an Wirtschaftlichkeit, Compliance und Digitalisierung. Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich viele Hochschulen mit der Frage, wie eine zukunftsfähige Beschaffungsorganisation gestaltet werden kann.

Warum benötigt eine Universität eine Beschaffungsorganisation?

Universitäten verfügen häufig über eine dezentrale Beschaffungslandschaft, die historisch gewachsen ist. Fakultäten, Institute und Dienstleistungseinheiten beschaffen eigenständig, teilweise mit unterschiedlichen Prozessen, Verantwortlichkeiten und Standards. Zwar ermöglicht diese Struktur eine hohe Nähe zu den Bedarfen der Fachbereiche, führt jedoch oftmals zu fehlender Transparenz über Ausgaben, uneinheitlichen Vorgehensweisen und einer begrenzten Nutzung von Synergiepotenzialen. 

Hinzu kommen steigende regulatorische Anforderungen an Vergabekonformität, Nachhaltigkeit, Dokumentation und Digitalisierung. Auch erwarten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schnelle und unkomplizierte Beschaffungsprozesse, damit Forschung und Lehre nicht durch administrative Hürden beeinträchtigt werden. 

Ziel einer modernen Beschaffungsorganisation an einer Universität ist daher, eine wirksame Organisationsstruktur zu schaffen, die auf klaren Rollen, Standards und Verantwortlichkeiten aufbaut, ohne die notwendige Flexibilität der Fachbereiche einzuschränken. Erfolgsentscheidend sind dabei ein Zielbild, transparente Governance-Strukturen sowie eine klare definiertes Zusammenarbeitsmodell zwischen zentralen und dezentralen Akteuren. 

Welche Herausforderungen bestehen beim Aufbau einer Beschaffungsorganisation?

Der Aufbau einer universitätsweiten Beschaffungsorganisation ist nicht nur eine organisatorische, sondern eine kulturelle Veränderung. Eingespielte Beschaffungsabläufe sind zu hinterfragen und neu zu gestalten. Wo Fakultäten, Institute und Dienstleistungseinrichtungen bislang eigenständig beschafft haben, entstehen künftig neue Standards und Formen der Zusammenarbeit. Dies kann zunächst als Verlust von Autonomie für einzelne Bereiche wahrgenommen werden.  

Eine weitere Herausforderung liegt in der Verschiebung von Rollen und Verantwortlichkeiten. Aufgaben, die bisher dezentral wahrgenommen wurden, werden zentral gebündelt oder unterstützt. Gleichzeitig bleiben Bedarfsträger für die fachliche Spezifikation und Beurteilung der fachlichen Eignung verantwortlich. Damit dies funktioniert, müssen Zuständigkeiten, Entscheidungsrechte und Schnittstellen klar definiert und verständlich kommuniziert werden. 

Hinzu kommt das Spannungsfeld zwischen Standardisierung und wissenschaftlicher Vielfalt. Einheitliche Prozesse, Rahmenverträge und gebündelte Bedarfe können Abläufe vereinfachen und die Universität als Ganzes stärken. Forschung und Lehre benötigen Raum für spezialisierte, kurzfristige oder projektbezogene Beschaffungen. Entscheidend ist, Standards dort einzusetzen, wo sie einen Nutzen schaffen und die betroffenen Organisationseinheiten frühzeitig in die Ausgestaltung einbeziehen. So entstehen Akzeptanz und Vertrauen in die neue Organisation. 

Wie kann eine moderne Beschaffungsorganisation an einer Universität aussehen?

Durch die Kombination aus zentralen Einkaufsfunktionen und dezentraler Bedarfsnähe können die genannten Herausforderungen adressiert werden. Dabei übernimmt eine zentrale Beschaffungsorganisation die strategische Steuerung sowie die Entwicklung von Standards und Methoden für die gesamte Universität. Die Fachbereiche bleiben weiterhin eng in die Beschaffung eingebunden, indem sie ihre Anforderungen einbringen. 

Eine wichtige Rolle nimmt dabei der „Lead-Beschaffungskoordinator“ ein. Diese Funktion dient als Bindeglied zwischen den Organisationseinheiten und der zentralen Einkaufsorganisation. Sie unterstützt bei komplexen Beschaffungen, sorgt für Transparenz über Bedarfe und fördert die Umsetzung einheitlicher Standards, ohne die Eigenständigkeit der Einheiten einzuschränken. Dies schafft Akzeptanz und erhöht die Wirksamkeit der Gesamtorganisation. 

Ebenso entscheidend ist ein differenziertes Warengruppenmodell. Typischerweise bieten sich unterschiedliche Steuerungsansätze an: 

  • Stark standardisierbare Warengruppen (etwa Bürobedarf oder IT-Standardhardware) eignen sich für eine stärkere Bündelung, zentrale Steuerung und zentrale Lieferantenauswahl. 

  • Fachspezifische Warengruppen (etwa wissenschaftliche Geräte oder Chemikalien) benötigen größere Freiheitsgrade und eine enge Einbindung der Fachbereiche, eine Koordination der Bedarfe wird ermöglicht aber nicht erzwungen. 

  • Hochspezifische Warengruppen (etwa externe Dienstleistungen wie Untersuchungen) sollten aufgrund ihrer fachlichen Spezialisierung direkt durch die jeweilige Bedarfseinheit beschafft werden, da die Potenziale einer zentralen Bündelung und Standardisierung in diesen Bereichen meist begrenzt sind.

Mehr als Kosteneinsparungen: Der langfristige Mehrwert für Universitäten

Für die Bedarfsträger liegt der zentrale Mehrwert einer professionellen Beschaffungsorganisation in der praxisnahen Unterstützung im Arbeitsalltag. Der Einkauf entwickelt sich von einer überwiegend administrativen Funktion zu einer beratenden Einheit, die Bedarfe frühzeitig aufnimmt, geeignete Beschaffungswege aufzeigt und bei der Vorbereitung und Durchführung komplexer Beschaffungen unterstützt. Die Beschaffungsorganisation bringt sich als kompetenten Ansprechpartner für Forschung und Lehre ein, der fachliche Anforderungen mit vergaberechtlichen, wirtschaftlichen und prozessualen Anforderungen verbindet.  

Die Beratung setzt entlang des gesamten Beschaffungsprozesses an: von der Präzisierung des Bedarfs, der Wahl einer geeigneten Beschaffungsstrategie, dem Einholen von Markt- und Lieferanteninformationen, der Erstellung von Leistungsbeschreibungen, der Durchführung von Vergaben bis zum Abschluss von Rahmenverträgen. Gerade bei unregelmäßigen, hochvolumigen oder spezifischen Beschaffungen reduziert diese Begleitung Unsicherheiten, vermeidet unnötige Abstimmungsschleifen und schafft Klarheit über Zuständigkeiten.  

Ergänzend unterstützen verständliche Leitfäden, Vorlagen, Schulungen und digitale Systeme diesen Prozess. Standardbedarfe werden einfacher und schneller abgewickelt, während sich die Beschaffungsorganisation gezielt auf komplexe Fälle konzentriert. So wird zusätzliche Bürokratie vermieden. Gleichzeitig entsteht ein serviceorientierter Einkauf, der administrative Aufwände reduziert, Sicherheit schafft und den Bedarfsträgern mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben in Forschung, Lehre und Verwaltung gibt. 

Gabriel, D. / Sandikçi, S.