- Einheitliche Meinung: Digitale Lieferketten werden Hauptziel von Hackern
- Umsatz soll 2026 um bis zu 7,4 Prozent wachsen, Belegschaft um 0,6 Prozent schrumpfen – zwischen den Segmenten (Rail, Aviation etc.) gehen die Perspektiven aber z.T. deutlich auseinander
- 84 Prozent halten rein volumengetriebene Wachstumsmodelle für ausgereizt
Die Transport- und Logistikbranche erwartet spürbares Wachstum im laufenden Jahr 2026. Die Unternehmen rechnen mit einem Umsatzplus von bis zu 7,4 Prozent, abhängig vom konkreten Marktsegment. Zugleich soll die Belegschaft um 0,6 Prozent schrumpfen, vor allem in den indirekten Funktionen – denn der wirtschaftliche Druck bleibt hoch: Die durchschnittliche EBIT-Marge soll zwar von 5,6 auf 6,2 Prozent steigen, liegt damit aber weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt der Dienstleistungsbranche von 13,3 Prozent. Hinzu kommen neue Risiken: Alle befragten Führungskräfte erwarten mehr Cyberangriffe auf Transport- und Logistiknetzwerke. 95 Prozent sehen wachsende Regulierung und Bürokratie sowie eine sinkende Verlässlichkeit politischer Zusagen als Belastung für Performance und Profitabilität – das betrifft nicht nur den öffentlichen Verkehr, sondern beispielsweise auch die Luftfahrt. Das sind Ergebnisse der Studie „Transportation, Travel & Logistics 2026“ von Horváth.
Der Kostendruck bleibt Thema Nummer eins, denn die niedrigen Margen prägen die Managementagenda. Im Ranking der CxO-Prioritäten steht die Verbesserung der Kosten- und Ergebnisstruktur weiter an erster Stelle. KI und digitale Transformation folgen als wichtige Hebel zur Effizienzsteigerung direkt auf dem zweiten Platz und gewinnen somit nach einem vierten Rang im Vorjahr an Bedeutung. Die Reorganisation von Strukturen und Prozessen ist die drittwichtigste Priorität. Letzteres Thema springt gegenüber dem Vorjahr von Rang sechs auf Rang drei. „Die Branche erwartet zwar Wachstum, verdient damit aber noch lange nicht automatisch mehr Geld“, sagt Christian Schnöbel, Partner bei Horváth. „Entscheidend ist, wie Wachstum generiert wird, wie Preispositionen gehalten und Skalierungsvorteile genutzt werden können, um tatsächlich wirksame Ergebnisbeiträge zu leisten. Genau deshalb werden gleichzeitig Kosten, Strukturen und Erlösmodelle einer genauen Prüfung unterzogen.”
Für 2027 fällt die Wachstumserwartung hinter die des Jahres 2026 zurück. Viele Unternehmen wollen ihre personelle Konsolidierung 2026 abschließen und anschließend wieder Kapazitäten für profitables Wachstum aufbauen – vor allem außerhalb der DACH-Region. Auch für West- und Südeuropa rechnen rund 42 Prozent mit einem Rückgang der Beschäftigung. Die Studie führt diese Entwicklung vor allem auf veränderte Handelsströme, die Verlagerung industrieller Wertschöpfung und herausfordernde Bedingungen auf den Heimatmärkten zurück.
Cyberangriffe werden zum Geschäftsrisiko
Netze sind das Rückgrat vieler Transport- und Logistikunternehmen – und genau das macht sie verwundbar. 52 Prozent der befragten CxOs stimmen zu, 48 Prozent sogar voll und ganz, dass Cyberattacken auf Transport- und Logistiknetzwerke zunehmen werden, weil digitale Lieferketten stärker ins Visier geopolitischer Angriffe geraten. „Wenn zentrale Systeme ausfallen, steht nicht irgendein IT-System still, sondern der operative Betrieb des Produktionssystems. Cybersecurity ist damit kein reaktives Thema, um sich zu schützen, sondern muss aktiv angegangen werden. Resilienz wird zu einer kritischen Fähigkeit - sie entscheidet über Lieferfähigkeit und Umsatzsicherung“, erklärt Horváth-Partner Christian Schnöbel.
Trotz des branchenweiten Bewusstseins für die Bedrohungen durch derartige Angriffe, liegt Cybersecurity nur auf Rang vier der strategischen Prioritäten und ist sogar um zwei Plätze im Vergleich zum Vorjahr gefallen. Das liegt weniger an einer geringeren Bedrohungslage als mehr am steigenden Druck aus anderen Richtungen: 94 Prozent der Befragten erwarten einen anhaltend starken Margendruck. So haben neben Störungen der Lieferketten steigende Energiepreise gegenüber dem Vorjahr deutlich an Bedeutung gewonnen. Eine klare Positionierung, die Realisierung von Skaleneffekten und ein konsequentes Kosten- und Ergebnismanagement werden aus ihrer Sicht noch wichtiger für Profitabilität und das langfristige Bestehen im Wettbewerb.
Kunden setzen stärker auf Zuverlässigkeit
Parallel verändern sich Wachstumslogiken in vielen Industrie-Segmenten und Geschäftsmodellen. 84 Prozent der Führungskräfte halten traditionelle, volumenbasierte Wachstumsmodelle für weitgehend ausgereizt. Wachstum soll künftig stärker über Umsatzqualität, d.h. leistungsfähiges Yield-Management, zusätzliche Erlösquellen und differenzierte Services entstehen. 90 Prozent beobachten zudem, dass für Kunden in der Logistik Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zunehmend stärker ins Gewicht fallen als maximale Geschwindigkeit. „Mehr Volumen ist kein Selbstzweck. Für viele Logistiker wird wichtiger, wie verlässlich sie liefern, welche Zusatzleistungen sie anbieten und wie konsequent sie ihre Erlöse steuern – im Grunde ist das ein Stück weit ein Spiegelbild der zunehmenden Relevanz von Resilienz“, so Schnöbel.
Auch überbordende Regulierung setzt alle Unternehmen der Transport- und Logistik- Branche der DACH-Region stärker unter Druck: 68 Prozent sehen internationale Wettbewerbsnachteile, weil aus ihrer Sicht der Fokus von Veränderungen und der Management-Attention zu stark von Regulierung getrieben werden, während der Schwerpunkt eigentlich klar auf Innovationen und Weiterentwicklung von Geschäfts- und Operating-Model liegen müsste.
KI scheitert noch an Daten und Systemen
Dabei spielen Innovationen, vor allem im technologischen Bereich, eine große Rolle bei Transport- und Logistikunternehmen. Digitalisierung ist essenziell, um nicht ins Hintertreffen zu geraten und dem Kostendruck standzuhalten. 84 Prozent der Befragten erwarten, dass KI und Technologie zu einer zentralen Quelle von Wettbewerbsvorteilen werden – oder zu Wettbewerbsnachteilen für solche Unternehmen führen, die diese Potenziale nicht für sich nutzen.
Obwohl KI auf der Managementagenda mit Rang 2 ganz weit oben steht, bleibt ein signifikanter Teil des Potenzials bislang ungenutzt: 80 Prozent der Führungskräfte sind der Ansicht, dass die Branche KI noch nicht mit der nötigen Geschwindigkeit und Breite einsetzt – etwa in Planung, Disposition und Kundenservice. Am weitesten fortgeschritten ist der Einsatz in Kundenkommunikation und Service. In operativen und administrativen Prozessen verfolgt rund die Hälfte der Unternehmen zumindest einen strukturierten Ansatz, um KI in eine wertstiftende Anwendung zu bringen. Beim Performance Management sowie bei Managemententscheidungen dagegen befinden sich fast 90 Prozent noch eher in einem sehr frühen Entwicklungsstadium.
Gleichzeitig erwarten 83 Prozent der Unternehmen einen moderaten oder hohen Wachstumseffekt durch ein verbessertes digitales Kundenerlebnis und digitale Kanäle. Im Bereich digitaler Infrastruktur und Kernsysteme sind es sogar 87 Prozent. Gebremst wird die weitere Entwicklung nach Ansicht der CXOs vor allem durch unzureichende Datenstrukturen, fragmentierte Systeme, Fragen der Datensicherheit, fehlende End-to-End-Integration sowie mangelnde Kompetenzen. „Viele Unternehmen haben längst verstanden, wo KI helfen kann. Schwieriger ist die Umsetzung und die Einbettung in den bestehenden Betrieb. Gerade in der Logistik treffen neue Anwendungen auf gewachsene Systemlandschaften und heterogene Daten. Solange diese Grundlagen nicht stimmen, bleibt ein Teil des Potenzials auf der Strecke”, sagt Schnöbel.
Die Ergebnisse zeigen eine Branche, die sich trotz guter Zukunftsperspektiven neu ordnen muss. Kosten und Margen stehen weiterhin unter Druck, Cyberrisiken nehmen zu und klassische Volumenmodelle verlieren an Zugkraft. Für viele Unternehmen wird es daher entscheidend sein, profitables Wachstum stärker über Zuverlässigkeit, Technologie und passende Erlösmodelle zu steuern.
Über die Studie
Für die Horváth-Studie „Transportation, Travel & Logistics 2026“ wurde eine repräsentative Auswahl von Vorstandsmitgliedern und Geschäftsführern der Branche befragt. Die Stichprobe umfasst 46 Befragte, mit denen persönliche Tiefeninterviews geführt wurden. Die Interviews fanden im Rahmen der internationalen und branchenübergreifenden Horváth-Studie „CxO Priorities 2026“ statt, für die insgesamt mehr als 1.000 Unternehmensverantwortliche befragt wurden.
