Horváth-Studie: Defense-Boom: Nur jeder dritte Neueinsteiger kann seine Wachstumsziele erreichen

  • Horváth schätzt europäisches Verteidigungsbudget bis 2030 auf rund 617 Milliarden Euro
  • Mehr als 40 Prozent der Unternehmen wollen ins Defense-Geschäft einsteigen
  • Potenzial bei Weltraum- und Drohnentechnologie sowie Verbrauchsgütern
     

Europas Verteidigungsausgaben steigen stark. Unternehmen aus zahlreichen Branchen wollen davon profitieren: Mehr als 40 Prozent der befragten Firmen erkennen künftig für sich Potenzial im Defense-Markt. Doch der Sektor ist tatsächlich enger als die hohen Verteidigungsbudgets zunächst vermuten lassen. Nur etwa jeder dritte Neueinsteiger kann seine Wachstumsambitionen im europäischen Rüstungssektor bis 2030 erreichen. Das sind Ergebnisse eines von Horváth entwickelten Analysetools, das auf Daten von Eurostat und der Europäischen Verteidigungsagentur basiert und mit Ergebnissen eigener CxO-Studien sowie weiteren Marktprognosen zusammengeführt wurde. 

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist die europäische Verteidigungsindustrie beträchtlich gewachsen. Neuen Horváth-Berechnungen zufolge könnten die Verteidigungsausgaben in der EU bis 2030 auf rund 617 Milliarden Euro steigen. „Diese Summe kann jedoch nicht mit dem Industrieumsatz gleichgesetzt werden. Ein Teil der Mittel fließt in Personal und Infrastruktur, zudem werden Budgets nicht vollständig vergeben oder umgesetzt“, erläutert Christoph Ketterle, Principal im Bereich Aerospace & Defense bei Horváth. „Je mehr Firmen in den Markt drängen, desto enger wird zudem der Spielraum für alle.“

 

Automotive hofft auf sieben Prozent Umsatzanteil bei Rüstung

Dabei unterscheiden sich die Ambitionen der Unternehmen je nach Branche deutlich. In der Automobilindustrie wollen 38 Prozent der befragten Unternehmen ihre Aktivitäten im Bereich Defense und Space neu aufbauen oder ausweiten. Für das Jahr 2029 rechnen diese Unternehmen mit einem Umsatzanteil von rund sieben Prozent. Noch deutlich höher liegen die erwarteten Umsatzanteile bei Anbietern von Software und Professional Services mit 18 Prozent, bei Banken und Finanzdienstleistern mit 15 Prozent sowie bei Energieunternehmen mit 23 Prozent. „Das Wachstum des europäischen Verteidigungssektors in den vergangenen Jahren von etwa 11,4 Prozent jährlich war außergewöhnlich und lässt sich nicht einfach fortschreiben. Schon heute stoßen Unternehmen bei Kapazitäten, Lieferanten und ihren eigenen Strukturen an Grenzen“, sagt Ketterle. Im breiten Vergleich zeigen sich dagegen bei konservativen Erwartungen reale Wachstumsraten von sechs bis sieben Prozent für die europäische Verteidigungsindustrie.

 

Neueinsteiger brauchen mehr als das passende Produkt

Für Unternehmen, die neu in die Rüstung einsteigen wollen, reicht es nicht, nur ein bestehendes Produkt anzubieten und dafür den passenden Kunden zu suchen. Entscheidend sind eine klare strategische Ausrichtung, ein belastbarer Business Case und die Bereitschaft, sich langfristig auf die besonderen Anforderungen der Verteidigungsindustrie einzustellen. „Gerade kleinere Unternehmen sollten sich auf Felder konzentrieren, in denen sie spezialisierte Kompetenzen einbringen oder bestehende Engpässe lösen können“, rät Defense-Experte Ketterle. 

Für größere Anbieter gewinnen nach Einschätzung von Horváth dagegen Partnerschaften und Netzwerke an Bedeutung. Gute Voraussetzungen sieht Ketterle insbesondere für Unternehmen aus deutschen Hochtechnologiebranchen, da viele der benötigten Kompetenzen bereits vorhanden sind. Dennoch bleibt Defense im Vergleich zu großen Industrien wie Automotive, Chemie oder Metall ein deutlich kleinerer Markt. Umso wichtiger ist es, den Einstieg gezielt vorzubereiten und nicht allein auf das allgemeine Marktwachstum zu setzen.

 

Munition als Wachstumstreiber 

Besonders hohe Wachstumschancen sieht Ketterle bei Flugkörpern, Munition und anderen Verbrauchsgütern, weil hier regelmäßig neu beschafft werden muss. Entsprechend hoch sind Wachstum und Kapazitätsdruck. Auch bei Weltraum- und Drohnentechnologien sieht der Defense-Experte erhebliches Potenzial. Gerade im Weltraum-Bereich besteht aus seiner Sicht in Deutschland großer Nachholbedarf. Klassische Luftfahrtprogramme bieten dagegen aufgrund ihrer langen Entwicklungs- und Beschaffungszyklen weniger kurzfristiges Wachstumspotenzial. Eine Orientierung für relevante Technologiefelder bieten unter anderem europäische und NATO-nahe Förderprogramme wie der European Defence Fund (EDF) oder DIANA. „Wer neu in den Markt eintritt, sollte nicht fragen, was er grundsätzlich für Defense produzieren könnte, sondern wo tatsächlich Kapazitäten oder Kompetenzen fehlen“, sagt Ketterle. „Wer einen solchen Engpass beheben kann, erhöht seine Chancen auf einen erfolgreichen Markteintritt.“ 

 

Über die Methodik

Grundlage der Analyse ist ein von Horváth entwickeltes Dashboard, das Daten von Eurostat und der Europäischen Verteidigungsagentur mit Ergebnissen eigener CxO-Studien sowie weiteren Marktprognosen zusammenführt. Das Modell stellt die erwartete Entwicklung der Verteidigungsbudgets in der EU von 2027 bis 2030 dem Wachstum der etablierten Verteidigungsindustrie und den Wachstumsambitionen neuer Marktteilnehmer gegenüber. Das Tool soll vor allem strategische Analysen ermöglichen und Unternehmen dabei helfen, die Wachstumschancen im Defense-Geschäft realistischer einzuschätzen.