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Neue Mobilität als Chance und Herausforderung für Versicherer

+++ E-Scooter-Markt mit Potenzial von ca. 1 Mrd. € Prämie +++ Schwächen im Produktentwicklungsprozess +++ Optionen im Partnering rund um das Ökosystem Mobilität +++

Seit diesem Sommer sind E-Scooter in deutschen Städten für den Straßenverkehr zugelassen und prägen seitdem das Stadtbild. Sie sind hip, einfach zu bedienen und emissionsfrei. Lange Zeit war insbesondere aus rechtlicher Sicht unklar, wie mit diesem neuen Fortbewegungsmittel umzugehen ist. Der deutsche Gesetzgeber hat hierfür im Juni 2019 die Rahmenbedingungen in der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV) festgelegt. Damit ein E-Scooter auf deutschen Straßen unterwegs sein darf, benötigt er eine allgemeine Betriebserlaubnis sowie eine Versicherungsplakette. Für letztere muss der Eigentümer eine separat abzuschließende Haftpflichtversicherung erwerben.

Deutschland ist damit eines der wenigen Länder, das eine Versicherungspflicht vorsieht. Daraus ergibt sich ein neues Marktsegment für Versicherungsunternehmen. Laut einer Studie des Marktforschungsinstitutes YouGov vom Mai 2019 denkt jeder dritte Deutsche in den nächsten drei Jahren über den Kauf eines E-Scooters nach. Auf Basis der aktuellen Angebote für eine E-Scooter-Haftpflichtversicherung lässt sich ein Marktpotenzial von knapp 1 Mrd. € Prämienvolumen abschätzen, was ungefähr der durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate des bisherigen Kfz-Haftpflichtversicherungsmarktes entspricht. Das Potenzial für weitere Versicherungen, beispielsweise Kasko, ist dabei noch nicht berücksichtigt. Obwohl historische Daten zum Schadenverlauf bisher fehlen, ist klar, dass das Marktsegment E-Scooter für Versicherungsunternehmen zweifelsohne attraktiv ist. Auch weil es die Möglichkeit bietet, tendenziell junge Kunden frühzeitig mit Versicherungsprodukten anzusprechen und die Kundenschnittstelle versicherungsseitig zu bespielen.

Um auf den E-Scooter-Boom schnell mit einem passenden Versicherungsprodukt reagieren zu können, haben sich die Versicherungsunternehmen im Wesentlichen der bereits existierenden Mopedversicherung bedient. Inwiefern diese „Notlösung“ passgenau ist, wird unter anderem der zukünftige Schadenverlauf zeigen. Generell legt das Beispiel E-Scooter offen, dass der Produktentwicklungsprozess von Versicherungsunternehmen neue Anforderungen erfüllen muss: schnelle und passgenaue Entwicklung und Bereitstellung von einfachen Produkten, automatisierte Anbindung an digitale Angebots- und Verarbeitungsstrecken sowie individuelle Produktkonfigurationen. Ziel muss es sein, schnell und kostengünstig digitale Produkte am Markt platzieren zu können – für viele Versicherungsunternehmen besteht hier immer noch Handlungsbedarf. Produktentwicklung, Marketing, Vertrieb, Prozesse und IT müssen ineinandergreifen.

Der E-Scooter-Boom wird vor allem durch den B2B-Markt befeuert. Die fünf größten E-Scooter-Sharing-Anbieter in Deutschland sind Kooperationen mit namhaften Versicherern eingegangen: Bird und Lime mit HUK-Coburg, Voi mit DEVK, Tier mit AXA und Circ mit SIGNAL IDUNA. Das Vorgehen entspricht den bisherigen Partnerschaftsmodellen zwischen Dienstleister und Versicherer in der Sharing-Economy. Das Potenzial eines Ökosystems Mobilität wird aber bisher von keinem Versicherungsunternehmen konsequent und gesamthaft angegangen. Die individuelle Verknüpfung verschiedener Mobilitätsbausteine (z.B. E-Scooter, Fahrrad, Auto, Bus und Zug) aus einer Hand hätte das Potenzial, Nutzern einen mobilitätsübergreifenden Versicherungsschutz anzubieten und Versicherungsunternehmen im Ökosystem Mobilität als Partner zu positionieren. Die Vorteile eines solchen Partneringmodells liegen auf der Hand: vertriebliche Ansatzpunkte aus der Alltagsrelevanz und passgenauer Versicherungsschutz basierend auf individuellen Bewegungsdaten, um nur zwei konkrete Beispiele zu nennen.

Der E-Scooter-Markt ist einer der wenigen neuen Marktsegmente für Versicherungsunternehmen, der einerseits die Notwendigkeit zur Weiterentwicklung des bisherigen Produktentwicklungsprozesses deutlich macht, andererseits aber auch die Chancen eines Partneringmodells rund um das Ökosystem Mobilität aufzeigt.