Automation Insights

Industrielle Automatisierung: Die Corona-Krise als Verstärker des allgemeinen Abschwungs

Wie viele andere Branchen ist auch die Antriebs- und Automatisierungsindustrie von der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Einschränkungen betroffen. In diesem Automation Insights Beitrag blicken wir daher auf den bisherigen Umgang mit der Krise zurück, führen Gründe für eine länger anhaltende Rezession an und leiten mittelfristige Konsequenzen für die Branche ab.

Im Gastgewerbe, in der Reisebranche und im Einzelhandel führten die nahezu weltweit verhängten Einschränkungen des öffentlichen Lebens von einem Tag auf den anderen zu einem abrupten Konsum-Stopp der Endverbraucher. Da es sich bei Steuerungskomponenten, Getrieben, Industrierobotern, Elektro- und Hydrauliksystemen oder Industriesoftware um Investitionsgüter handelt, waren die ersten Herausforderungen in der Antriebs- und Automatisierungsbranche jedoch anders gelagert. Zunächst machten sich gravierende Lieferengpässe vornehmlich aus China bemerkbar, gefolgt von Verschiebungen bis hin zu Stornierungen bereits bestätigter Aufträge. Daneben bestand die akute Gefahr, produktions- und lieferkritische Prozesse nicht sicherstellen zu können.

Unternehmen im „Überlebensmodus“: Kurzfristig ergriffene Maßnahmen

Den meisten Unternehmen ist es relativ schnell gelungen, eine Art „Überlebensmodus“ zu organisieren und mit wirksamen Aktionen zu reagieren. Diese haben sie dann in die Geschäftsbereiche, Abteilungen und Regionen kaskadiert. Hier finden Sie eine Auswahl der Maßnahmen, die wir branchenweit bei unseren Kunden und weiteren Unternehmen festgestellt haben:

  • „Krisenmanagement-Organisationen“ oder Task Forces wurden ins Leben gerufen, um eine tagesaktuelle Bewertung der Situation zu gewährleisten und unbürokratische, schnelle Entscheidungen treffen zu können.
  • Die Sicherheit der Mitarbeiter hat oberste Priorität: Büroangestellte finden sich im Homeoffice wieder, Schichtpläne wurden umgestellt, Arbeitsplätze und -abläufe angepasst.
  • Der Kontakt mit Kunden und Lieferanten erfolgt weitestgehend virtuell, teilweise können Services (digital) aus der Ferne bereitgestellt werden.
  • Geschäftskritische Prozesse und die Kontinuität der Lieferketten wurden sichergestellt.
  • Die Liquiditätssituation wurde analysiert und mit ersten schnell wirksamen Kostensenkungsmaßnahmen begonnen.
  • Insbesondere die Osterferien wurden genutzt, um Überstunden und Resturlaub abzubauen, teilweise wurden die Betriebsferien vorgezogen.
  • Kurzarbeit wurde beantragt und ist meist in Anwendung.
  • In Pressemitteilungen oder Stellungnahmen auf den Unternehmenswebsites wurden Geschäftspartner, Arbeitnehmer und Anleger über die unternehmensspezifische Situation und entsprechende Reaktionen informiert.

Die ersten drei Maßnahmen sichern die Handlungsfähigkeit der Organisation und gewährleisten die Sicherheit der Mitarbeiter und Partner durch Social Distancing bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der wichtigsten Unternehmensabläufe. Die weiteren Maßnahmen zielen meist auf die kurzfristige Reduzierung der Kapazitäts- und Arbeitskosten ab. Es handelt sich um schnell wirksame Aktionen zur Sicherstellung der Liquidität. Einigen Unternehmen scheint es besonders schnell gelungen zu sein, die richtigen Hebel zu identifizieren. Wir können dadurch deutlich erkennen: Unternehmen, die auf einen möglichen Abschwung vorbereitet waren, sind jetzt schneller in ihrer Entscheidungsfindung und Handlungsfähigkeit als jene, die dies nicht waren.

Krise? Die individuelle Situation ist auch abhängig von der Zielbranche

Aktuell eingefrorene Budgets zur industriellen Automatisierung und Aufträge für Investitionsgüter werden voraussichtlich in konjunkturell besseren Zeiten (nach-)geordert. Jedoch bleiben die Bestellungen so lange aus, bis ihre Anwender wieder Investitionssicherheit haben. Dieser Zeitpunkt ist abhängig von der Zielindustrie wie dem Maschinen- und Anlagenbau, Automotive, der Konsumgüterindustrie oder der Medizintechnik. Wichtig ist zu betonen, dass nicht alle Unternehmen gleichermaßen von der Krise betroffen sind. Wir sprechen aktuell mit Automatisierern, die nahezu volle Auftragsbücher vorweisen können. Deren Kunden nutzen den Produktionsstillstand für Wartungsarbeiten und die Weiterentwicklung der industriellen Automatisierung. In diesen Fällen gehen wir von einem zeitlich verzögerten und milderen Abschwung aus. Sorgen bereitet allerdings eine ganz spezielle Herausforderung.

Die Corona-Krise kommt für die Antriebs- und Automatisierungstechniker zu einem Abschwung hinzu, der in der Branche bereits 2018/19 begonnen hat

Bereits 2019 nahm der Auftragseingang und damit der Auftragsbestand in der Branche über das gesamte Jahr hinweg ab. Hauptgründe für diesen Abschwung waren u.a. der Handelskrieg zwischen den USA und China sowie Sanktionen gegenüber dem Iran, eine Investitionszurückhaltung aufgrund des Brexits und ein hinter den Erwartungen liegendes Wachstum der chinesischen Wirtschaft. Für Zulieferer der Automobilbranche kamen die große Unsicherheit bezüglich des Wandels vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität und Überkapazitäten der OEMs hinzu.

Auch hier ist zu beobachten: Wer auf die Turbulenzen in der Branche eingestellt war, profitiert nun von bereits eingeübten Strukturen und kurzen Entscheidungswegen. Diese Unternehmen haben sich 2018/19 bereits szenarioabhängige Maßnahmenpakete zurechtgelegt. Darauf haben wir letztes Jahr hingewiesen und einen strukturierten Plan zur Ergebnisverbesserung in unserem Impulspapier „Prepared for a Downturn“ beschrieben. Nun sehen wir: Unternehmen, die durch den Abschwung bereits vor Corona angeschlagen waren und keine passenden Gegenmaßnahmen einleiten konnten, trifft diese Krise nun doppelt.

Zwischenfazit: Die Branche wird sich mittelfristig verändern

Es wäre sicherlich vermessen, bereits jetzt alle wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie und der damit einhergehenden Beschränkungen umfassend voraussagen zu wollen. Nach aktuellem Kenntnisstand kann man jedoch behaupten, dass die „neue Normalität“ noch Monate andauern wird und die gesamte Weltwirtschaft betroffen bleibt. Zugleich müssen wir uns vor Augen halten, dass die meisten Gründe für den seit 2018 andauernden Abschwung in der Branche auch nach Bewältigung der Corona-Krise Bestand haben werden. Dies bringt uns zu der folgenden strategischen Hypothese:

Sowohl die Corona-Krise als auch der zuvor begonnene Abschwung wird die Automatisierungsbranche mittelfristig und nachhaltig verändern.

Die strategische Hypothese

Was heißt das konkret? Wir gehen von veränderten Verhaltensweisen der Marktteilnehmer der Antriebs- und Automatisierungsbranche aus, auf Kunden- und Anbieterseite:

  • Kunden und Anbieter werden ein höheres Bewusstsein für die Risiken in ihren Lieferketten (insbesondere bei kritischen Komponenten) entwickeln und deshalb nach neuen Wegen suchen, ihre Supply Chain zu managen. Mittelfristig wird regionales Sourcing sicherlich eine größere Rolle spielen.
  • Kunden und Anbieter werden mit Blick auf Produktions- und Intralogistikprozesse ihre Wertschöpfungskette weiter automatisieren, um unabhängiger von manuellen Arbeitsschritten zu werden und Effizienzpotenziale zu heben.
  • Das Bedürfnis der Kunden nach digitalen Services (insbesondere Remote- und Predictive-Services) wie beispielsweise in der Anlageninstandhaltung wird weiter steigen.
  • Kunden und Anbieter werden vermehrt flexible Zahlungs- und Vertragsmodelle (Pay per Use, Pay per Performance etc.) nachfragen und anbieten.
  • Es werden sich M&A-Potenziale bieten und dadurch eine horizontale und vertikale Konsolidierung am Markt stattfinden
  • Außerdem gehen wir davon aus, dass den kurzfristigen Kostensenkungsmaßnahmen die nachhaltige Reduktion von Ineffizienzen in der Organisationsstruktur folgen wird.

„Summer bodies are made in winter“

Lassen Sie uns einzelne Verhaltensweisen ausführen: Seit der Lehman-Krise wurden Gemeinkostenstrukturen in allen Geschäftsbereichen, insbesondere in der Administration aufgebaut. Automatisierer werden sich wie viele andere produzierende Unternehmen schlanker aufstellen, denn „summer bodies are made in winter“.

Außerdem stellen gerade die traditionelleren Unternehmen nun fest, dass Digitalisierung eben nicht nur ein Buzzword ist, sondern die Resilienz in vielen Bereichen erhöht. Prozesse können unabhängig von der physischen Verortung der Mitarbeiter erfolgreich und teilweise sogar effizienter als zuvor abgewickelt werden. Somit stellt die Krise, erzwungen durch Kontaktverbote und den Mitarbeiterschutz, zwar einen „Stresstest für die Digitalisierung“ dar, hat aber bereits viele Bedenken ausgeräumt.

Spannend bleibt es hinsichtlich der zukünftigen Vertriebsaktivitäten. Während der persönliche Kundenzugang in der Corona-Krise nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, haben sich viele findige Vertriebler kreative Ideen einfallen lassen und auf Inside Sales umgestellt. Ob daraus die Erkenntnis hervorgeht, dass weniger Reisetätigkeit die Vertriebseffizienz steigert, muss sich erst noch zeigen.

Durch all diese Beobachtungen sehen wir uns darin bestätigt, für Unternehmen der Antriebs- und Automatisierungstechnik nicht von einem schnellen „Zurück zur Vor-Corona-Zeit“ im Spätjahr auszugehen. Die angeführten Veränderungen werden die Branche mittelfristig und nachhaltig verändern. Wenn Sie Diskussionsbedarf zu unseren Einschätzungen sehen, dann zögern Sie nicht, uns anzusprechen.

Kittelberger, D. / Zirkelbach, T.

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