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Interview mit Markus Sontheimer, CIO & Member Executive Committee bei Brenntag SE

„Entscheidend ist nicht nur die Technologie, sondern die Fähigkeit, sie in operative Abläufe zu übersetzen“

Von der Datenbasis bis zur Anwendung von KI: Beim weltweit führenden Chemiedistributeur Brenntag wird Digitalisierung konsequent an operativer Wirkung gemessen – mit dem Ziel, Prozesse zu beschleunigen, Effizienzpotenziale zu heben und schneller auf Marktveränderungen zu reagieren. CIO und Executive-Committee-Mitglied Markus Sontheimer erläutert, wie diese Transformation gesteuert wird, wo Technologie den größten Unterschied macht und was es braucht, um digitale Initiativen nachhaltig im Unternehmen zu verankern.

Mit welchen strategischen Themen beschäftigt sich das Topmanagement bei Brenntag aktuell am intensivsten? :

SONTHEIMER / Derzeit stehen bei uns vor allem drei Themen im Fokus: Wachstum verbunden mit dem Aufbau einer echten „Sales-Maschine“, die weitere Optimierung unserer länderübergreifenden Lieferketten sowie die Frage, wie wir das Potenzial von KI richtig in die Organisation bringen. Dabei betrachten wir KI nicht als isoliertes Technologiethema, sondern als integralen Bestandteil unserer Geschäftsprozesse und Entscheidungsmechanismen. Gerade im Zusammenspiel dieser Themen wird deutlich, wie wichtig es ist, Vertrieb, Supply Chain und technologische Innovation eng miteinander zu verzahnen. 

Als CIO sitzen Sie an der Schnittstelle von Business und Technologie. Worauf kommt es in dieser Rolle heute besonders an? :

SONTHEIMER / Essenziell ist die Verfolgung einer klaren IT- und Digitalisierungsstrategie, die festlegt, wie IT im Unternehmen organisiert sein muss, um die „richtige“ IT für das jeweils angestrebte Geschäftsmodell zu liefern – also etwa zur Unterstützung einer Positionierung als Kostenführer, Innovationsführer oder Anbieter digitaler Produkte. Darauf aufbauend geht es darum, ein für das Unternehmen optimales Operating Model für die IT zu entwickeln und die richtige Balance zwischen Insourcing und Outsourcing sowie „Build or Buy“ zu finden. Eine zentrale Fähigkeit ist es zudem, erfolgreiche integrierte Teams aufzubauen, welche die technologischen Möglichkeiten in die Prozesse und die Strukturen des Unternehmens einbringen.  

Wie gelingt es aus Ihrer Sicht, in einem globalen und dezentralen Unternehmen wie Brenntag, genug Standardisierung zu schaffen, ohne die notwendige Flexibilität im Geschäft zu verlieren? :

SONTHEIMER / Für mich sind Standardisierung und Agilität kein Widerspruch. Gerade in zentralen IT-Bereichen wie der Infrastruktur, also Cloud, Telefonie, Netzwerk oder Arbeitsplatz, aber auch in Cybersecurity und ERP sind einzelne Länder häufig zu klein, um die notwendigen Entwicklungen alleine zu meistern. Deshalb ist hier eine konsequente globale Standardisierung notwendig. Gleichzeitig schaffen wir Flexibilität, indem wir stärker auf modulare Komponenten und digitale Helfer setzen. Dieser Ansatz ermöglicht es uns, die Geschwindigkeit sogar zu erhöhen und gleichzeitig die Balance zwischen globaler Effizienz und lokaler Anpassungsfähigkeit zu halten. 

Wo schafft Digitalisierung bei Brenntag heute tatsächlich messbaren Geschäftswert – und woran machen Sie diesen konkret fest? :

SONTHEIMER / Messbarer Geschäftswert entsteht überall dort, wo Digitalisierung direkt auf Umsatz, Effizienz oder Steuerungsfähigkeit einzahlt. Ein gutes Beispiel ist unser KI-basierter „Pricing Engine“, mit dem wir deutlich schneller und umfassender Angebote etwa im Rahmen von RFPs [Requests for Proposal] bepreisen können. Darüber hinaus trägt der Onlinevertrieb über unser Kunden-Sales-Portal klar zum Umsatzwachstum bei. Ergänzend dazu ermöglichen uns Data-Analytics-Anwendungen eine deutlich bessere Steuerung des Geschäfts, etwa im Hinblick auf Margen oder Inventar. 

Wie verändern Daten, Automatisierung und KI aus Ihrer Sicht die Qualität von Entscheidungen auf Managementebene? :

SONTHEIMER / Daten, Automatisierung und KI heben Managemententscheidungen auf ein neues Niveau, weil sie Entscheidungen schneller, fundierter und konsistenter machen. Für ein globales Unternehmen wie Brenntag ist das besonders wichtig: Je komplexer Lieferketten, Preisentwicklungen und Kundenanforderungen werden, desto stärker braucht es eine belastbare Datengrundlage in Echtzeit. Wir werden mehr und mehr ein echtes „data-driven Enterprise“, was unsere Reaktionsgeschwindigkeit verbessert. 

Welche technologischen Fähigkeiten werden in den nächsten Jahren für Unternehmen wie Brenntag wirklich wettbewerbskritisch? :

SONTHEIMER / Wettbewerbskritisch wird in den nächsten Jahren vor allem die Fähigkeit sein, tiefes Spezialwissen mit digitaler Exzellenz zu verbinden. Für Brenntag heißt das konkret: technologisches Know-how, eine starke Datenkompetenz und ein tiefes Verständnis für Chemie, Sourcing und Supply Chain müssen zusammenkommen. Hinzu kommen cloudbasierte, skalierbare Architekturen, die es ermöglichen, globale Prozesse effizient zu steuern und neue Anwendungen schneller auszurollen. Entscheidend ist aber nicht nur die Technologie selbst, sondern die Fähigkeit, sie wirksam in operative Abläufe, Kundeninteraktionen und Entscheidungsprozesse zu übersetzen. Erst daraus entsteht ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil. 

Über Markus Sontheimer

Markus Sontheimer ist seit Februar 2026 CIO und Mitglied des Executive Committee bei Brenntag SE, Weltmarktführer in der Distribution von Chemikalien mit Stammsitz im nordrhein-westfälischen Essen. Nach seinem Wirtschaftsingenieursstudium an der Technischen Hochschule Esslingen hatte er verschiedene Führungspositionen bei großen Unternehmen im IT-Bereich inne, wie der Deutschen Bank AG, der Daimler AG und der DB Schenker AG. Bevor Markus Sontheimer zu Brenntag wechselte, war er CIO bei der ISS-Gruppe, wo er die globale IT- und Digitalstrategie verantwortete. Er ist zudem ehrenamtlich Vorsitzender im Hochschulrat der Hochschule Esslingen. 

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