Interview mit Christina Klee, Vorständin der Volksbank Thüringen Mitte


Demografischer Wandel, steigende Regulierung, wachsende Komplexität: Die Finanzbranche steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Dr. Christina Klee, Vorständin der Volksbank Thüringen Mitte, spricht im Interview über strategische Prioritäten in unsicheren Zeiten, über Führung unter veränderten Rahmenbedingungen und darüber, warum Nähe, Vertrauen und regionale Verantwortung zentrale Voraussetzungen für nachhaltigen Erfolg bleiben.
KLEE / Strategisch beschäftigen uns gegenwärtig vor allem die Auswirkungen des demografischen Wandels in all seinen Facetten sowie die Veränderung der Bedürfnisse von Kundinnen und Kunden, aber auch von Mitarbeitenden. Wesentliche Ziele sind folglich der Ausbau einer leistungsfähigen omnikanalen Regionalbank und die Positionierung als nachhaltig attraktiver Arbeitgeber.
KLEE / Im Grunde sind es wohl dieselben Trends, die Geschäftsmodelle über alle Branchen hinweg zu Anpassungen zwingen. Prägende Beispiele sind Individualisierung, Urbanisierung oder auch Sicherheit. Hinter diesen Megatrends verbergen sich eine Vielzahl von Bedürfnisänderungen auf der Nachfrageseite, aber auch von neuen Optionen auf der Anbieterseite. Insgesamt wird das Umfeld, in dem sich Unternehmen künftig behaupten müssen, immer komplexer. Der Umgang damit ist die eigentliche Herausforderung, da er Veränderungsfähigkeit auf allen Ebenen der Unternehmenssteuerung erfordert. Insbesondere das Treffen von Entscheidungen in Ungewissheitssituationen wird ständiger Wegbegleiter des Managements.
KLEE / Ein bedeutender Erfolgsfaktor ist die Fähigkeit, Chancen früh zu erkennen und sich darauf zu konzentrieren, die eigenen Stärken in diesem Umfeld zielgerichtet zur Entfaltung zu bringen. Die oben genannten Megatrends haben gewaltiges Potenzial zu schnellen, tiefgreifenden Veränderungen. Sie bringen damit aber vor allem auch die Möglichkeit zur eigenen Weiterentwicklung mit. Zentrale Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg ist dabei, dass wir die Nähe zu unseren Kundinnen und Kunden nicht verlieren. Wenn diese gegeben ist, kann Vertrauen entstehen und gewahrt werden – und wir können mit unseren Kundinnen und Kunden wachsen. Die wesentlichste Herausforderung ist hier, das unternehmerische Ziel fest im Blick zu haben und sich nicht von der stetig wachsenden Komplexität beirren zu lassen.
KLEE / Als Genossenschaftsbank ist die Förderung unserer Mitglieder stets unser wichtigster Antreiber. Dazu gehört neben der verlässlichen Versorgung der Menschen in unserer Region mit Bankdienstleistungen auch die Förderung jenseits finanzwirtschaftlicher Fragestellungen. Engagement, Präsenz und Mitwirkung vor Ort sind essenziell für unser Geschäftsmodell. Diese Überzeugung prägt unsere Arbeit seit 165 Jahren. Der Aufsichtsrat ist dabei ein bedeutender Teil der Governance-Struktur, greift jedoch nicht in die operative Unternehmensführung ein. Er ist Sparringspartner des Vorstandes und Überwachungsorgan im Sinne der Interessen unserer Eigentümer.
Führung muss sich nach unserer Auffassung an den Menschen orientieren, die zum Erfolg unseres Unternehmens beitragen. Hier ist eine Vielzahl von Fähigkeiten erforderlich, an deren Entwicklung wir mit unserem Führungsteam kontinuierlich arbeiten.
KLEE / Investitionsentscheidungen orientieren sich an unseren strategischen Zielen, die wir auch quantifiziert haben. Im Fokus steht der betriebswirtschaftliche Erfolg in unserem Kerngeschäftsfeld, dem Kundengeschäft in unserer Region.
Die Einhaltung regulatorischer Anforderungen ist dabei stets eine strenge Nebenbedingung. Auch wenn diese oft zu hoher Arbeitsintensität führt, steht sie inhaltlich zumeist nicht im Widerspruch zu unseren eigenen Maßstäben. Als Beispiel möchte ich die Begrenzung von Größenklassen im Kundenkreditgeschäft anführen. Hier sind die aufsichtlichen Maßgaben zum Teil deutlich weitreichender als unser eigener Risikoappetit.
Dr. Christina Klee ist seit 2016 Vorstandsmitglied der Volksbank Thüringen Mitte eG, einer Kreditgenossenschaft mit Sitz in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Dort verantwortet sie neben dem Retailbanking die Bereiche Personalmanagement und Organisationsentwicklung. Nach einem dualen Studium an der Berufsakademie Berlin und beruflichen Stationen bei der Berliner Sparkasse sowie der Volksbank Erfurt absolvierte sie berufsbegleitend ein Studium und eine Promotion an der FernUniversität in Hagen. Darüber hinaus engagiert sie sich in verschiedenen regionalen Gremien, unter anderem im Präsidium der IHK Erfurt.

