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COVID-19: Boost und Bremse für die Entwicklung von Mobilitätsservices

Versetzt die Corona-Pandemie der geteilten Mobilität den endgültigen Dolchstoß und führt damit zum Ende vieler innovativer Mobilitätsservices? Als Mobilitäts-Enthusiasten haben wir diese Frage zunächst intuitiv mit einem klaren “Nein” beantwortet. Doch Busse und Bahnen sind beinahe leer, Kickscooter stehen still, als wären sie das Virus persönlich und die Lufthansa schließt Germanwings, weil sie mit nachhaltig niedrigerem Reiseaufkommen rechnet. Um unsere Antwort zu differenzieren, haben wir die Frage nach der Zukunft der Mobilität mit 25 internationalen Experten diskutiert und Thesen zur „Mobilität nach Corona“ abgeleitet.

Die Corona-Pandemie – Eine Vollbremsung für die Mobilität?

Stand Ende April befinden sich die meisten Mobilitätsservices in einer Krise. Bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffes und einer nachhaltigen Bewältigung der Corona-Pandemie ist aller Voraussicht nach höchstens mit einer leichten Erholung zu rechnen. Danach wird die gesamte Reiseaktivität im Alltag und in der Freizeit wohl wieder ansteigen – das ursprüngliche Level wird jedoch nicht mehr erreicht. Denn die Corona-Krise hat uns mit einem Digitalisierungsschub gesegnet und gelehrt, dass sowohl Remote Meetings als auch Homeoffice praxistauglicher sind als erwartet. Auch nach der Krise gehen wir deshalb davon aus, dass diese Konzepte flächendeckend genutzt werden und zwar auf einem deutlich höheren Niveau als zuvor. Pendeln zum Arbeitsplatz und ähnliche Fahrten werden für viele von uns nicht mehr im bisherigen Umfang stattfinden und zu einem langfristig niedrigeren Reisevolumen führen. Das betrifft vor allem Anbieter von Mobilität in Städten und natürlich in erster Linie den ÖPNV. Zusätzlich wird es dauern, bis Lösungen für Hygiene in der geteilten Mobilität gefunden werden und das Vertrauen auf eine sichere Reise wieder vollständig zurückkehrt.

So lange die Weltbevölkerung wächst, ist dies auch für das weltweite Reisevolumen der Fall – so war das zumindest in vorangegangenen Krisen. Der Unterschied diesmal: Wir haben nachhaltig gelernt, Mobilität im Alltag zu ersetzen. 

Die beschleunigte Konsolidierungsphase

Schon vor der Krise war erkennbar, dass viele der in den letzten Jahren gegründeten innovativen Mobilitätsanbieter nicht profitabel genug arbeiten, um langfristig am Markt zu bestehen. OEMs rücken daher ihr Kerngeschäft zurück in den Fokus und betrachten ihre Mobilitätsangebote kritischer. So hat sich beispielsweise ShareNow aus dem amerikanischen Markt zurückgezogen und Bosch den Scooterservice Coup eingestellt. Aber auch OEM-unabhängige Anbieter sind betroffen, Scooteranbieter Circ wurde zum Beispiel von der Konkurrenz übernommen. In der aktuellen Situation verstärken sich diese Entwicklungen weiter. Zudem reagieren die Anbieter mit Preissenkungen, Freiminuten und neuen Services auf die Krise, um Kunden zu halten oder zurück zu ihren Angeboten zu führen. 

Jetzt gilt es, nicht nur hygienische Lösungen zur Sicherung von infektionsfreien Fahrten zu finden (z.B. Mindestabstände, Desinfektionsroboter o.ä.), sondern vor allem die Geschäftsmodelle und den operativen Betrieb fit für den Wiederaufschwung zu machen. So manche überfällige Pivots führen jetzt zu neuen Lösungen. In New York ist dies im Bereich Micro-Mobility sichtbar. Viele Lieferdienste für Mahlzeiten, Lebensmittel und medizinische Produkte greifen auf diese Angebote zurück, um der Bevölkerung wichtige Güter zur Verfügung zu stellen. Die Krise verändert die Kundenanforderungen – wer sich jetzt schnell anpassen kann, wird langfristig eine stärkere Marktposition erreichen.
 

Boost für flexible Besitzmodelle

Die Corona-Krise wird viele Unternehmen und Privatpersonen in eine finanziell schwächere Situation bringen. Und auch Liquidität wird während der Erholungsphase noch ein Thema sein. Dennoch haben die meisten von uns schon jetzt oder spätestens nach der Krise wieder den Wunsch, mobil zu sein – viel früher als vielleicht ein Autokauf wieder in Frage kommt. Mobilitätsanbieter und OEMs haben daher die große Chance, mit flexiblen und individuellen Fahrzeug- und Mobilitätsangeboten Kunden zu gewinnen, die zwar wieder zahlungsbereit sind, aber langfristige Verpflichtungen und große Anschaffungen scheuen. Dies sind einerseits Angebote mit zeitlicher Flexibilität, wie z.B. Leasingmodelle mit einer variablen oder kürzeren Laufzeit, ohne Bindung für mehrere Jahre, oder Abo-Modelle, die kurzfristig kündbar sind. Ebenso können auch Fahrzeugvermietungen punkten – hier beträgt die Vertragslaufzeit nur wenige Stunden oder Tage. Außerdem sind Angebote gefragt, welche die Kapitalbindung möglichst geringhalten und daher Cashflow-optimiert sind. Hier sind beispielsweise der Entfall der Anzahlung im Leasingvertrag oder eine flexible Ratengestaltung mögliche Lösungen. Corona wird also die Kundenakzeptanz dieser Geschäftsmodelle verstärken und den bestehenden Trend zu flexibleren, individuellen Besitzmodellen nochmals beschleunigen.

Die „Datenemanzipation“ ermöglicht neue Services

Im globalen Vergleich haben wir Deutschen eine eher konservative Einstellung zum Datenschutz. Die hohen Download-Zahlen der freiwilligen Tracing-Apps zur Nachverfolgung von Corona-Infizierten zeigen jedoch, dass viele Anwender mittlerweile den Nutzen aus Datenfreigaben positiv bewerten und dies keine Einzelfälle mehr sind. Mehr geteilte Mobilitätsdaten ermöglichen zudem vielfältigere und bessere datenbasierte Services.

Aktuell werden diese Daten beispielsweise zur Simulation der Auswirkungen verschiedener Kontaktrestriktionen genutzt. Künftig können etwa Verbindungen für die umkämpfte „letzte Meile“ detaillierter analysiert und optimiert werden. Individuelle Reiserouten könnten durch die Integration weiterer Modalformen von Tür zu Tür vollständig von einem Mobilitätsanbieter abgedeckt werden. Dank dieser „Datenemanzipation“ werden Nutzer Services erleben, die Mobilitätsdienste vor Corona maßgeblich übertreffen, wie beispielsweise effizientere, klimafreundlichere Routen. Dynamische Preismodelle, die sich an der präzise vorhersehbaren Mobilitätsnachfrage orientieren, steigern die Profitabilität und schaffen so Raum für neue Geschäftsmodelle.

Beschleunigte Digitalisierung des ÖPNV

Abstandsregeln und Hygieneanforderungen stellen den ÖPNV vor Herausforderungen, die den Transportsektor auch über die Pandemie hinaus prägen werden. Eine hygienebewusstere Gesellschaft hat höhere Anforderungen an Sauberkeit und Menschenmengen, auf die sich Betreiber einstellen müssen.

Weil überfüllte Bus- und Bahnlinien stärker gemieden werden, wird das Zusammenspiel aller Modalformen wichtiger denn je. Eine Vernetzung des ÖPNV mit Carsharing- und On-Demand-Anbietern rückt dadurch wieder stärker in den Fokus. Bereits heute lassen sich vereinzelt mit bestimmten digitalen Fahrscheinen Busfahrten mit weiteren Mobilitätsdiensten kombinieren. Die Corona-Krise wird diesen Trend jedoch verstärken und früher als erwartet zu einem vernetzten ÖPNV führen. 

Auch die Anforderungen an die Hygiene im Nahverkehr werden bestehende Trends beschleunigen. So wird bargeld- und kontaktloses Bezahlen von Fahrscheinen im ÖPNV unverzichtbar, um den Kontakt zu minimieren. Dadurch wird der Weg zu innovativen Smart-Ticketing-Modellen beschleunigt. Mit Apps, die automatisch oder manuell erfassen, wann der Reisende in den Bus ein- und wieder aussteigt, wird der Fahrerkontakt gänzlich vermieden – ohne Installation neuer Hardware. 
 

Fedai, A. / Paetzel, F. / Römer, S.  

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